Im Rahmen des von le Grand Continent im Pariser Panthéon veranstalteten Redenzyklus, zu dessen Gästen auch Peter Sloterdijk, Lea Ypi und Carlo Ginzburg zählen, widmet Giuliano da Empoli seine Rede darum Jean Monnet. Er befreit den Architekten der europäischen Einigung vom Mehltau jahrzehntelanger Missverständnisse. Monnet war aufregend, unkonventionell und bei allem technokratischen Geschick eminent politisch. An großen Staatsmännern bewunderte er vor allem eine Eigenschaft: Großzügigkeit. Damit meinte er weniger persönliche Güte als vielmehr die Fähigkeit, über den unmittelbaren nationalen Vorteil hinauszublicken und auf etwas Größeres hinzuarbeiten, das langfristig allen dient. Wo sind diese im Sinne Monnets großzügigen politischen Figuren heute? Giuliano da Empolis Rede zu Monnet ist eine jener Reden, die zu lesen sich lohnt. Mit jeder Lektüre erschließt sich ein neuer Gedanke. So wie auch Europa sich heute auf einmal mehr neu entfalten muss.
Europas Drama besteht darin, dass Jean Monnet langweilig geworden ist. Diese fabelhafte Persönlichkeit, die jahrzehntelang um die Welt reiste, unglaubliche Abenteuer erlebte und unermüdlich das verrückte Ideal eines geeinten Europas verfolgte, ist zu einer angestaubten Referenz geworden –ein ausgestopfter Gründervater, den man praktischerweise in vorhersehbaren Reden über den Zustand der Europäischen Union zitieren kann.
In der kommenden Stunde möchte ich vor allem versuchen, Jean Monnet seinen Wahnsinn zurückzugeben, indem ich einige Episoden seines Lebens nachzeichne.
Anschließend möchte ich sein Erbe explorieren und der Frage nachgehen, was das Beispiel Jean Monnet heute noch für uns bedeutet.
Einer der wenigen positiven Aspekte der düsteren Zeit, die wir derzeit erleben, besteht darin, dass wir Geschichte wieder verstehen – mehr noch: Wir spüren sie am eigenen Leib.
Früher lasen wir die Chroniken der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und sie erschienen uns fern, als etwas Tragisches, aber Überwundenes. Wir studierten sie mit einer gewissen Distanz, als beträfen uns diese Geschichte nicht unmittelbar. Heute hingegen lesen wir die Berichte jener Zeit durch die Stimmen ihrer Zeitzeugen – und wir vibrieren mit ihnen, weil ihre Kondition auch die unsere geworden ist.
Heute verstehen wir, mehr noch, wir empfinden, was Stefan Zweig zu sagen versuchte, als er 1936 schrieb:
„Selten war die Atmosphäre der Welt (insbesondere unseres alten Europas) so vergiftet von Misstrauen, Uneinigkeit und Angst. Mit Unruhe nimmt man jeden Morgen die Zeitung zur Hand, mit einem Seufzer der Erleichterung legt man sie nieder, wenn nichts besonders Gefährliches sich ereignet hat. Das Misstrauen gegen die Nachbarn ist heute bei vielen Völkern nach und nach zu einer pathologischen Erscheinung geworden; überall schließen sich die Grenzen ängstlich ab, Tag und Nacht arbeiten in Europa die Fabriken, um nach 20 Jahrhunderten der herrlichsten Leistungen auf allen Gebieten der Kultur die großartigsten und genialsten Instrumente der Zerstörung zu schaffen.“
Diesen Seufzer der Erleichterung, wenn wir am Morgen unser Telefon anstellen und feststellen können, dass sich auf der Weltbühne nichts besonders Gefährliches in der Nacht ereignet hat: heute kennen wir ihn.
Wenn wir aber gezwungen sind, die dunkelste Seite der Geschichte am eigenen Leib zu erleiden und zu erfahren, dann können wir vielleicht auch jene Männer und Frauen besser unser Ehre erweisen und verstehen, die sich der Finsternis entgegengestellt haben. All jenen, die nach dem Zweiten Weltkrieg die Grundlagen für eine der längsten Phasen des Friedens und des Wohlstands in der Geschichte der Menschheit geschaffen haben.
Das Abenteuer
Jean Monnet gehört zu ihnen. Vielleicht ist sein Beispiel unter all diesen Persönlichkeiten sogar das wichtigste. Doch damit es uns inspirieren kann, müssen wir ihn zunächst von der Staubschicht der Feierlichkeit und Rhetorik befreien, mit der er in den vergangenen Jahrzehnten in Reden überzogen worden ist.
Und dafür ist es vielleicht besser, nicht mit seiner zentralen Rolle beim Aufbau Europas oder mit den beinahe unglaublichen Leistungen seines staatsmännischen Wirkens zu beginnen, sondern mit einigen intimen Episoden seines Lebens.
Ich möchte nur drei davon herausgreifen.
Der erste führt uns zurück ins Jahr 1906. Jean Monnet ist achtzehn Jahre alt. Zwei Jahre zuvor hat er Cognac verlassen und das Studium abgebrochen, um eine Lehre in der Londoner City zu absolvieren. Nun wird er als Vertreter des Weinbrandhandelunternehmens seiner Familie nach Nordamerika geschickt. Zunächst landet er in Kanada, anschließend bereist er den amerikanischen Westen. Dort entdeckt er eine grenzenlose Welt, in der Europa bereits fern und beinahe unbedeutend erscheint.
Eines Tages findet er sich in einer Farm mitten im Nirgendwo. Er sucht einen Hof skandinavischer Siedler, die leidenschaftliche Cognac-Trinker sind, und fragt einen Schmied nach den Transportmöglichkeiten. Ohne seine Arbeit zu unterbrechen, antwortet der Mann, es gebe schlicht keine. Dann zeigt er auf ein Pferd und schlägt ihm vor, es zu nehmen und später wieder zurückzubringen. Dieses Vertrauen erscheint ihm vollkommen natürlich.
„Ich war weit entfernt von Cognac und den Ländern des geschriebenen Rechts“, schreibt Jean Monnet später in seinen Memoiren. „In Amerika gewann ich überall den Eindruck, dass dort, wo der Raum unbegrenzt war, auch das Vertrauen keine Grenzen kannte.“
Monnet begegnet Schwierigkeiten so, wie er es sein ganzes Leben lang tun wird: indem er den Horizont erweitert.
GIULIANO DA EMPOLI
Fast acht Jahre lang bereist er auf diese Weise die Welt – Nordamerika, Skandinavien, Russland und Ägypten. Zur nahezu gänzlich immobilen Stabilität der europäischen Gesellschaft tritt in Monnets Denken die Dynamik einer expandierenden Welt hinzu.
Die zweite Episode stammt aus seinem Privatleben, ist aber auf ihre Weise ebenso aufschlussreich. Im Juli 1934 verlässt Jean Monnet Shanghai, wo er als Investmentbanker arbeitet und Chiang Kai-shek nahesteht, um nach Moskau zu reisen. Dort trifft er Silvia Giannini wieder, der er fünf Jahre zuvor begegnet war. Es verliebt sich auf der Stelle. Doch es gibt ein grosses Problem: Silvia ist verheiratet, und eine Scheidung ist im Europa jener Zeit praktisch unmöglich.
Monnet begegnet diese Schwierigkeit, wie er es immer tun wird: indem er den Horizont erweitert.
Das einzige Land, in dem eine Scheidung damals möglich ist, ist die Sowjetunion. Also verabreden sich beide in Moskau – er kommt aus Ostasien, sie aus der Schweiz, wo sie mit ihrem Kind lebt. Innerhalb weniger Tage wird Silvia sowjetische Staatsbürgerin, lässt sich scheiden und heiratet Monnet. Unmittelbar danach verlassen beide das Land wieder. Monnet wird später sagen, dies sei „das schönste Geschäft seines Lebens“ gewesen. Ihre Ehe wird fünfundvierzig Jahre dauern, bis zu Silvias Tod im Jahr 1979, und für ihn zu einem essenziellen Anker werden.
Die dritte Episode gehört nicht mehr in den privaten Bereich, macht aber auf spektakuläre Weise deutlich, welchen Einfluss Monnet besaß. Im Dezember 1940 hält Franklin D. Roosevelt seine berühmte Rundfunkansprache, in der er die Vereinigten Staaten als das „Arsenal der Demokratie“ bezeichnet. Der Ausdruck stammt von Jean Monnet.
Wenige Monate zuvor war Monnet nach dem Zusammenbruch Frankreichs in Washington eingetroffen und hatte sich bereits als zentraler Gesprächspartner innerhalb der amerikanischen Regierung etabliert. In einer Notiz des US-Außenministeriums wird er damals als „der Vordenker unserer Verteidigung“ bezeichnet.
In den folgenden beiden Jahren spielt er eine entscheidende Rolle bei der Ausarbeitung des Victory Program. Obwohl er selbst kein Techniker ist, setzt er eine Methode durch: den militärischen Bedarf präzise ermitteln, ihn den industriellen Kapazitäten gegenüberstellen, um so die Lücke sichtbar zu machen. Monnet plädiert unermüdlich für eine Logik des Überflusses – besser zehntausend Panzer zu viel als einer zu wenig. So trägt er entscheidend dazu bei, die Roosevelt-Regierung davon zu überzeugen, ihre Produktionsziele zu verdoppeln.
Dieser Prozess mündet in Roosevelts Rede im Kongress vom 6. Januar 1942, in welcher gigantische industrielle Produktionsziele angekündigt wurden. Weniger als einen Monat nach dem Kriegseintritt haben die Vereinigten Staaten die entscheidende Vollmobilisierung ihrer Industrie eingeleitet. John Maynard Keynes wird später sagen, Monnet habe „den Krieg um ein Jahr verkürzt“.
Es gibt etliche solche Episoden aus dem Leben Jean Monnets. Doch schon diese drei vermitteln eine Vorstellung von einer Persönlichkeit und einem Lebensweg, die in jeder Hinsicht außergewöhnlich waren. Getrieben von einem radikalen und zutiefst abenteuerlichen Kosmopolitismus.
Gemäß Giorgio Agamben ist das Abenteuer das, wodurch etwas oder jemand erst wirklich entsteht – das, was eine Identität formt, und einem Namen verleiht: „Das Abenteuer ist das Sein im Augenblick seines Geschehens.“ Am Anfang von Chrétien de Troyes‘ Perceval ou le Conte du Graal hat der Held noch keinen Namen. Erst am Ende erfährt er, dass er Perceval der Waliser heißt.
Jean Monnets Leben ist ein Abenteuer. Aber auch sein Werk – sein Hauptwerk, das Europa, wie wir es heute kennen, ist ein Abenteuer.
Es geht nicht darum, die europäische Einheit auszurufen, sondern sie notwendig, konkret und nahezu unvermeidlich zu machen.
GIULIANO DA EMPOLI
Wir werden diesen gesamten Weg hier nicht nachzeichnen. Doch auch hier genügen drei Momente – drei echte Abenteuer –, um zu verstehen, weshalb Jean Monnet heute als einer der Väter der Europäischen Union gilt.
Der erste spielt im Jahr 1914, zu Beginn des Ersten Weltkriegs. Jean Monnet ist sechsundzwanzig Jahre alt. Er bekleidet kein öffentliches Amt, vertritt niemanden außer sich selbst und kann sich lediglich auf die Erfahrungen stützen, die er auf seinen Reisen gesammelt hat. Da er aus gesundheitlichen Gründen nicht zum Militär eingezogen wird, beschließt er, seinem Land auf andere Weise zu dienen. Für ihn liegt etwas auf der Hand: Es ist absurd, dass Frankreich und Großbritannien, die gemeinsam gegen Deutschland Krieg führen, ihre Versorgung mit Rohstoffen getrennt organisieren. Die Idee ist einfach, ihre Umsetzung höchst unwahrscheinlich. Und doch gelingt es Monnet mitten in der Schlacht an der Marne, den französischen Ministerpräsidenten René Viviani zu treffen und ihn von der Notwendigkeit einer engen Koordinierung zwischen beiden Ländern zu überzeugen. Er wird nach London entsandt und widmet sich dort bis zum Ende des Krieges, fernab der Öffentlichkeit, der Organisation und Rationalisierung der alliierten Versorgung. Sein Beitrag ist dennoch nicht minder entscheidend: Er trägt zur materiellen Kohärenz der alliierten Kriegsanstrengungen bei, ohne die ein Sieg kaum möglich gewesen wäre.
Die zweite Episode spielt sich im Juni 1940 ab. Die Niederlage Frankreichs scheint unausweichlich. Monnet weigert sich jedoch, die Kapitulation als unabwendbares Schicksal hinzunehmen, und greift eine ebenso kühne wie verzweifelte Idee auf: die sofortige und vollständige Union zwischen Frankreich und dem Vereinigten Königreich. In einem Memorandum mit dem Titel Anglo-French Unity schlägt er vor, beide Staaten zu fusionieren – mit einer einzigen Regierung, einem einzigen Parlament und einer einzigen Armee.
Entgegen allen Erwartungen gelingt es ihm, Winston Churchill, dessen Kabinett und General Charles de Gaulle, der sich damals in London befindet, zu überzeugen. Am 16. Juni diktiert de Gaulle den Text persönlich telefonisch an den französischen Ministerpräsidenten Paul Reynaud. Für einige Stunden erscheint die Vorstellung einer gemeinsamen Souveränität, geboren aus der äußersten Notlage, als reale Möglichkeit. Doch noch am selben Abend wird Reynaud in Frankreich durch Marschall Pétain ersetzt, der den Weg des Waffenstillstands wählt. Das Projekt zerfällt augenblicklich. Dennoch bleibt es ein beeindruckender Präzedenzfall: die Idee, dass europäische Nationen – wenn die Umstände es erfordern – bereit sein können, sogar ihre politische Souveränität zu vereinen, um dem Schicksal gemeinsam zu begegnen.
Schließlich der entscheidende Moment. Im Jahr 1950 schlägt Jean Monnet Robert Schuman vor, die Verwaltung von Kohle und Stahl gemeinsam mit Deutschland zu organisieren. Mit dem Vertrag von Paris von 1951, der die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl begründet, wird diese Intuition Wirklichkeit. Zum ersten Mal erklären sich sechs Staaten bereit, einen Teil ihrer Souveränität auf eine gemeinsame, unabhängige Behörde zu übertragen, die einen Schlüsselbereich ihrer Wirtschaft verwalten soll. Die Wahl von Kohle und Stahl ist kein Zufall: Es sind genau jene Ressourcen, die die vorangegangenen europäischen Kriege ermöglicht hatten. Sie einer gemeinsamen Verwaltung zu unterstellen bedeutet, einen neuen Krieg zwischen Frankreich und Deutschland nicht nur politisch undenkbar, sondern materiell unmöglich zu machen.
In der Politik ist Langeweile eine überaus wirkungsvolle Waffe.
GIULIANO DA EMPOLI
Es ist in diesem Moment, dass Jean Monnet endgültig in die Geschichte eintritt. Doch genau hier liegt auch das große Paradox Jean Monnets und der europäischen Einigung: Ein außergewöhnliches Abenteuer mündet in seinem Gegenteil – in Langeweile. Nicht zufällig, sondern aus strategischem Kalkül.
Nach dem Zweiten Weltkrieg waren viele überzeugt, Europa müsse geeint werden. Sie hielten große Reden, veröffentlichten Aufrufe und organisierten Kongresse. Jean Monnet gehörte nicht zu ihnen. Als Churchill 1948 in Den Haag die Idee der Vereinigten Staaten von Europa lancieren wollte, blieb Monnet der Veranstaltung fern. Ihm ging es nicht darum, die europäische Einheit zu verkünden. Er wollte sie notwendig, konkret und beinahe unvermeidlich machen, indem er sie in gemeinsamen materiellen Interessen verankerte.
Ich glaube, genau darin liegt Jean Monnets eigentliches Geni. Die europäische Langeweile ist nicht das Ergebnis eines Zufalls, sondern eines präzisen und klugen politischen Projekts. Nach dem Zweiten Weltkrieg erkennt Monnet, dass die europäische Einigung zugleich unverzichtbar und unmöglich ist. Unverzichtbar, weil nur sie verhindern kann, dass sich die Geschichte der Bruderkriege endlos wiederholt. Unmöglich, weil die Bevölkerungen – trotz allem – sie nicht wollen. Selbst in den Jahren nach dem zweiten Weltkrieg zählte die Europäische Föderalistische Bewegung nie mehr als 250.000 Mitglieder.
Deshalb entscheidet sich Monnet für einen anderen Weg: den der technischen Abkommen. Zunächst über Kohle und Stahl, dann über immer weitere Politikfelder. Schritt für Schritt entsteht so ein immer dichteres Netz gemeinsamer Regeln und Interessen, das die Europäische Union zu einer vollendeten Tatsache macht – zu einem technokratischen Gebilde mit einer eigenen, nahezu unerbittlichen inneren Logik.
In der Politik ist Langeweile eine mächtige Waffe. Gelingt es, ein Thema so langweilig zu machen, dass sich niemand mehr dafür interessiert, dann kann man nahezu machen was man will. Der amerikanische Schriftsteller David Foster Wallace beschreibt in Der bleiche König, wie die Republikaner in den Vereinigten Staaten eine Gesellschaft zweier Geschwindigkeiten schufen: eine Steuerpolitik, die den Reichtum der einen grenzenlos wachsen ließ und zugleich die Ungleichheit verschärfte. Er schreibt:
„Der eigentliche Grund, warum die amerikanischen Bürger diese Konflikte, diese Veränderungen und das, was dabei auf dem Spiel steht, weder wahrgenommen haben noch heute wahrnehmen, ist, dass Steuerpolitik und Steuerverwaltung langweilig sind. Überwältigend, spektakulär langweilig …“
So werden Langeweile und Apathie zu politischen Instrumenten.
So verhielt es sich auch mit dem Europa der Beamten – zumindest bis Maastricht und in gewisser Weise bis heute. Dafür muss man vor den Architekten der europäischen Integration den Hut zeiehen: Es ist ihnen gelungen, eines der aufregendsten politischen Epen der Geschichte hinter einer endlosen Folge von Vorschriften über die Farbe von Rettungswesten und den Durchmesser von Pizzen zu verbergen.
Den Räubern entgegentreten
Die Europäische Union ist ohne Zweifel das schönste politische Projekt des vergangenen Jahrhunderts: der erste Versuch der Geschichte, in Friedenszeiten, ohne Waffen und ohne Drohungen, allein auf der Grundlage der freiwilligen Zustimmung der Völker einen supranationalen politischen Raum zu schaffen. Kaum ein anderes politisches Projekt ist so fantastisch. Und doch wurde Europa in den vergangenen siebzig Jahren nicht durch große Reden erbaut. Es entstand durch ein immer dichteres Geflecht von Regeln, das unseren Kontinent schrittweise immer enger miteinander verflochten hat.
Diese Strategie war erfolgreicher, als selbst die kühnsten Optimisten erhofft hatten.
Heute besteht das Problem darin, dass die Missachtung von Regeln, ein bisschen überall auf der Welt, der schnellste Weg geworden ist, um Macht zu erringen – und sie zu behalten. „Als Erstes töten wir alle Anwälte“, heißt es bei Shakespeare. Genauer gesagt sagt dies Dick der Schlächter in Heinrich VI., als er überlegt, mit was als erstes zu tun wäre im Moment des Aufstands.
Heute ist genau das das Programm all jener Raubtiere, die jede Begrenzung ihrer Macht beseitigen wollen: nationalpopulistische Führer, hemmungslose Autokraten und die neuen Oligarchen des Silicon Valley.
In diesem Kontext erinnern die Europäer, die sich darüber empören und ihre Gegner als Ignoranten oder Barbaren beschimpfen, an jenen persischen König, von dem Herodot berichtete, dass er seine Soldaten die Wellen auspeitschen liess, weil das Meer seine Pläne vereitelt hatte.
Es nützt nichts, die Raubtiere anzuprangern, die uns umgeben und ihren Erfolg auf der Missachtung von Regeln gründen. Wir müssen verstehen, worin die Anziehungskraft ihres Modells besteht.
In Gesellschaften wie den unseren hat ein wachsender Teil der Bürger – zu Recht oder zu Unrecht – den Eindruck, das System sei blockiert, die Probleme blieben immer dieselben und es spiele keine Rolle, wen man wähle. In diesem Kontext betreten die Raubtiere die Bühne und versprechen eine Art Wunder.
In der Theologie bezeichnet das Wunder den unmittelbaren Eingriff Gottes, der die gewöhnlichen Gesetze der Existenz außer Kraft setzt, um etwas Außergewöhnliches auf unserem Planeten zu bewirken. Genau derselben Logik folgen Trump und andere nationalpopulistische Führer: Sie brechen Regeln – und häufig auch Gesetze –, um zu behaupten, sie könnten die Probleme der Wähler endlich lösen.
Der heutige Moment verlangt von den Europäern die Fähigkeit, sich neu zu erfinden – nicht nur, sich zu verteidigen. Gerade deshalb brauchen wir Jean Monnet heute wieder. Was hätte er an unserer Stelle getan?
GIULIANO DA EMPOLI
Angesichts einer solchen Offensive wirkt die Antwort derjenigen, die sich darauf beschränken, auf die Einhaltung von Regeln und Verfahren zu pochen, leicht kraftlos. Nicht, weil sie unrecht hätten. Es liegt auf der Hand, dass es ohne die Achtung von Regeln und Verfahren weder Demokratie noch Rechtsstaatlichkeit und erst recht nicht die europäische Einigung in ihrer bisherigen Form geben kann. Alle, die sich für den Schutz der Demokratie oder die Verteidigung Europas einsetzen, haben daher recht.
Doch dabei darf es nicht bleiben. Denn wir laufen Gefahr, auf eine grundlegende Herausforderung lediglich mit formalen Antworten zu reagieren. Die Bürgerinnen und Bürger erwarten, dass ihre Probleme gelöst werden – nicht nur, dass Verfahren eingehalten werden.
Populistische Politiker konzentrieren sich auf den Inhalt – oder tun so. Sie versprechen, die wirklichen Probleme der Menschen zu lösen: Kriminalität, Migration, steigende Lebenshaltungskosten. Wenn Liberale, Progressive, überzeugte Demokratinnen und Demokraten sowie Proeuropäer sich ausschließlich hinter der Verteidigung von Formen und Institutionen verschanzen, die von einem immer größeren Teil der Wählerschaft als wirkungslos empfunden werden, werden sie auf Dauer hinweggefegt werden.
Die gegenwärtige Lage verlangt von den Europäern die Fähigkeit, sich neu zu erfinden – nicht nur, sich zu verteidigen.
Deshalb brauchen wir heute mehr denn je Jean Monnet. Was hätte er an unserer Stelle getan?
Das ist keine rhetorische Frage. Ich glaube, Monnet selbst hätte sie geschätzt, denn er war ein zutiefst zukunftsorientierter Mensch; ihn interessierte allein das Morgen. Aus diesem Grund wollte er seine Memoiren ursprünglich gar nicht veröffentlichen – was ein unermesslicher Verlust gewesen wäre. „Kann man sich Memoiren vorstellen, die von der Zukunft handeln?“, soll er den Historiker Jean-Baptiste Duroselle gefragt haben.
Gerade weil die Frage ernst gemeint ist, dürfen wir sie nicht mit einem Klischee beantworten: „Wenn ich noch einmal anfangen müsste, würde ich mit der Kultur beginnen.“ Zum einen hat Monnet diesen Satz in dieser Form nie gesagt. Zum anderen ist er falsch. Monnets Strategie war die richtige. Hätte er mit der Kultur begonnen, wäre er niemals dort angekommen, wo er schließlich hingelangte.
Die eigentliche Lehre Jean Monnets ist komplexer. Seine Methode beruht auf drei wesentlichen Elementen.
Zunächst auf einer außerordentlich klaren und zugleich ungemein ehrgeizigen Vision, die all sein Handeln bestimmt. André Bazin sagte einmal, schlechte Regisseure hätten überhaupt keine Ideen, gute hätten viele, große hingegen nur eine einzige. Jean Monnet hatte eine große Idee: die Einigung der Völker – und insbesondere der europäischen Völker.
Monnet ist der pragmatischste Mensch der Welt. Doch was seinen Pragmatismus antreibt, ist eines der edelsten Ideale überhaupt: die Vereinigten Staaten von Europa.
Der zweite Pfeiler seiner Methode ist eine beinahe prophetische Fähigkeit, selbst in der verzweifeltsten Lage genau den Hebel zu erkennen, an dem angesetzt werden muss, um eine positive Dynamik auszulösen.
Dafür braucht es technisches Wissen – ein Wissen, das Monnet vor allem dank des außergewöhnlichen Kreises von Mitarbeitern besaß, den er sein Leben lang um sich scharte. Seine Mitarbeiter verehrten ihn. Er gab ihnen das berauschende Gefühl, im Zentrum des Geschehens zu stehen und selbst Geschichte zu schreiben.
Im Laufe der vergangenen Jahrzehnte ist “der Proeuropäer” zu einem Menschen der Vorsicht geworden – nicht des Aufbruchs. Seine Gegner konnten dadurch den Wandel für sich reklamieren, obwohl sie in Wahrheit nur eine verhängnisvolle Rückkehr in die Vergangenheit anbieten.
GIULIANO DA EMPOLI
Monnet war kein Technokrat. Aber er begann stets mit einem konkreten, technischen Hebel, von dem er wusste: Wenn es gelingt, ihn in Bewegung zu setzen, wird sich alles Weitere daraus ergeben. Anfang der fünfziger Jahre waren Kohle und Stahl dieser Hebel – der Funke, der eine Kettenreaktion auslöste, die bis heute nachwirkt.
Der dritte Punkt: Jean Monnet machte sich selbst die Hände schmutzig. Er begnügte sich nicht mit einer großen Vision und einer präzisen technischen Lösung. Mit seiner ganzen Energie, seiner taktischen Intelligenz und seinem weltweiten Netzwerk setzte er alles daran, seine Ideen Wirklichkeit werden zu lassen. Und er hörte erst auf, wenn er sein Ziel erreicht hatte – oder zumindest jeden denkbaren Weg dorthin ausgeschöpft hatte.
Die Geschichte der beiden Jahre zwischen der Vorstellung des Schuman-Plans und der Ratifizierung des Vertrags über die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl sollte Pflichtlektüre für jeden Studenten der Public Policy sein. Man begegnet dort einem Jean Monnet, der – wie man in Italien sagt – sogar zwei leere Stühle miteinander versöhnen könnte. Seine diplomatischen Fähigkeiten und seine Kunst, sich ständig den Umständen anzupassen, ohne jemals sein Ziel aus den Augen zu verlieren, sind bemerkenswert. Um im Bild des großen Regisseurs zu bleiben: Er ähnelt Federico Fellini, der das Drehbuch seiner bedeutendsten Filme noch während der Dreharbeiten fortlaufend umschrieb.
Gerade diese einzigartige Verbindung aus Vision, technischer Kompetenz und Umsetzungskraft macht Jean Monnet zu einer wahrhaft außergewöhnlichen Persönlichkeit.
Alexandre Kojève soll gesagt haben, dass historisch nur jene Denker zählen, deren Ideen in Institutionen Gestalt annehmen. Jean Monnet war einer von ihnen. Er pflegte zu sagen, er habe niemals ein Amt bekleidet, das er nicht zuvor selbst geschaffen habe.
Wenn wir Jean Monnets Lehre auf unsere Gegenwart anwenden wollen, müssen wir daher gleichzeitig an drei Fronten arbeiten: an der Vision, am Hebel und an der Umsetzung.
Beginnen wir mit der Vision. Die Herausforderung, die von den Raubtieren ausgeht – wenn wir bereit sind, sie aus einer konstruktiven Perspektive zu betrachten, was zwar schwierig, aber notwendig ist, wenn wir sie wirklich bekämpfen und nicht nur ihre Existenz beklagen wollen –, besteht darin, den Horizont des Möglichen zu erweitern. Darin liegt letztlich Trumps ganze Faszination.
„Ihr sagt, das ist unmöglich? Dann werde ich euch beweisen, dass es möglich ist – indem ich es einfach tue.“
Natürlich scheitern viele ihrer vermeintlichen Wunder. Und selbstverständlich erweitern Putin, Trump und ihresgleichen aus unserer Sicht vor allem den Spielraum des Schlimmsten.
Dennoch müssen wir diese Ausweitung des Möglichen ernst nehmen. Wenn all ihre Grenzüberschreitungen möglich sind, dann muss es auch den Europäern möglich sein, ambitionierter zu werden.
Es liegt allein an uns, die epische Dimension der europäischen Einigung wiederzuentdecken.
GIULIANO DA EMPOLI
Ich glaube nicht, dass es Zufall ist, dass heute selbst Europäer, die bislang als Inbegriff des Pragmatismus galten, immer häufiger und mit wachsender Entschlossenheit von den Vereinigten Staaten von Europa sprechen. An diesem Punkt unserer Geschichte ist offensichtlich, dass wir vor einer Entscheidung stehen: Entweder machen wir kehrt, oder wir überschreiten eine Schwelle und schlagen entschlossen den Weg jenes zugleich idealistischen und pragmatischen Föderalismus ein, auf den Mario Draghi seit Langem hinweist.
Im Laufe der vergangenen Jahrzehnte ist der Proeuropäer zu einem Menschen der Vorsicht geworden – nicht des Aufbruchs. Dadurch konnten seine Gegner den Anspruch auf den Wandel für sich reklamieren, obwohl sie in Wahrheit lediglich eine verhängnisvolle Rückkehr in die Vergangenheit anbieten. Die Vereinigten Staaten von Europa bleiben aus meiner Sicht die einzige Antwort, die der Größe der heutigen Herausforderungen gerecht wird – die einzige Revolution, die, wie Jean Monnet schrieb, „eine neue Entfaltung unserer Zivilisation und eine neue Renaissance ermöglichen will“.
Heute kann jeder von uns sich hinters Steuer setzten und dreitausend Kilometer bis nach Tallinn fahren, ohne auch nur eine einzige Grenze zu überqueren oder die Währung wechseln zu müssen. Betrachtet man die europäische Geschichte, grenzt das an ein Wunder. Es liegt nun an uns, die epische Dimension der europäischen Einigung wiederzuentdecken.
Gewiss ist diese Position eine der Minderheit. Doch im neuen Informationsökosystem sind es die Extreme, welche Energie erzeugen. Wir haben es mit der extremen Rechten gesehen: Aus einer kleinen Minderheit heraus ist es ihr gelungen, das politische Kräfteverhältnis so in dem neuen Kontext zu agieren. Deshalb brauchen wir eine Minderheit von Aktivisten, die den Traum der Vereinigten Staaten von Europa lebendig hält.
Das wird Zeit brauchen. Wir werden Schritt für Schritt vorankommen, durch Koalitionen der Willigen – so, wie Europa sich schon bisher entwickelt hat. Doch diesen Horizont dürfen wir niemals aus den Augen verlieren.
Die Kohle und der Stahl unserer Zeit sind das Digitale und die Künstliche Intelligenz. Sie müssen zum Kern der Neuerfindung Europas werden.
GIULIANO DA EMPOLI
Zweitens: Gut zielen, um den richtigen Hebel zu finden von dem alles Weitere sich fügen wird. Anfang der fünfziger Jahre setzte Monnet bei Kohle und Stahl an, weil sie der Nerv der damaligen Machtpolitik waren. Heute liegt das Äquivalent auf der Hand: das Digitale – und mehr noch die Künstliche Intelligenz.
Einer der einflussreichsten und zugleich beunruhigendsten Soziopathen des Silicon Valley, Marc Andreessen, veröffentlichte vor fünfzehn Jahren sein Manifest Software Is Eating the World. Seine These lautete, dass die digitale Welt nach und nach sämtliche Bereiche der Wirtschaft und schließlich des menschlichen Lebens durchdringen werde. Fünfzehn Jahre später kann jeder beobachten, dass dieser Prozess fast abgeschlossen ist. Software beginnt inzwischen sogar die letzten Bastionen staatlicher Souveränität zu verschlingen: die Kriegsführung, die Kontrolle des Territoriums und das Gewaltmonopol.
Die Kohle und der Stahl unserer Zeit sind das Digitale und die Künstliche Intelligenz. Die entscheidende Frage lautet daher, wie wir sie ins Zentrum einer europäischen Neuerfindung stellen können. Wäre Monnet heute unter uns, würde er vermutlich nicht versuchen, auf allen Feldern direkt mit den Großmächten zu konkurrieren. Er würde vielmehr nach einem strategischen Hebel suchen und dort organisierte gegenseitige Abhängigkeiten schaffen.
Wir haben hier nicht die Zeit, auf die Einzelheiten einzugehen. Doch an Initiativen und Vorschlägen mangelt es nicht. Entscheidend ist, aus ihnen jenen Hebel zu identifizieren, der – wie einst der Schuman-Plan – eine neue Kettenreaktion auslösen kann.
Hat man einmal diesen Faden gefunden, muss man entschlossen an ihm ziehen. Damit sind wir beim dritten Element der Monnet-Methode: der Umsetzung – dem Aufbau eines Mechanismus und der geduldigen Schaffung jenes politischen Konsenses, der eine Vision Wirklichkeit werden lässt. Genau hier stoßen wir heute auf den sprichwörtlichen Elefanten im Raum.
Zu Monnets Zeit waren die Vereinigten Staaten der wichtigste Förderer und Katalysator der europäischen Integration. Wenn wir heute den Europatag am 9. Mai begehen – dem Tag der Verkündung des von Monnet entworfenen Schuman-Plans – dann weil Robert Schuman zwei Tage später, am 11. Mai, nach London zur Konferenz der Außenminister der Alliierten reisen musste. Der amerikanische Außenminister Dean Acheson hatte ihn aufgefordert, dort einen Plan für die künftigen Beziehungen zwischen Frankreich und Deutschland vorzulegen.
Man könnte sogar sagen: Selbst der Europatag ist die Geburt einer amerikanischen Deadline.
Heute ist dieser amerikanische Unterstützer nicht nur verschwunden. Unsere einstigen Verbündeten haben sich gegen uns gewandt und lehnen jede Form europäischer Integration ab – eine Haltung, die sie mit den anderen geopolitischen Raubtieren teilen.
Gleichzeitig gibt es heute etwas, das Monnet nicht zur Verfügung stand: den Keim einer europäischen Öffentlichkeit – hervorgegangen gerade aus jener Integrationsstrategie, die den Kontinent nach und nach zusammengeführt hat. Während Monnet nach dem Krieg mangels jeglicher öffentlichen Unterstützung und angesichts erschöpfter und tief gespaltenen Gesellschaften gezwungen war, beinahe im Verborgenen zu handeln, verfügen wir heute über ein Fundament gemeinsamer Erwartungen. Trotz aller Unterschiede und Fragmentierungen nimmt eine europäische Öffentlichkeit Gestalt an – ein Befund, den die Eurobazooka-Umfragen von Le Grand Continent eindrucksvoll bestätigen. Sie zeigen nicht nur ein wachsendes Gefühl der Zugehörigkeit zur Europäischen Union im Verlauf der aufeinanderfolgenden Krisen, sondern vor allem einen starken Wunsch nach gemeinsamem Handeln in Schlüsselbereichen wie Verteidigung und Technologie.
Es gibt also eine Nachfrage nach Europa, die das heutige politische Angebot übersteigt. Wo Monnet den öffentlichen Meinungen vorausgehen musste, können wir uns heute zumindest teilweise auf sie stützen. Was wir brauchen, sind politische Unternehmer, die diese Chance zu nutzen wissen.
Heute haben wir nicht die Zeit, darauf zu warten, dass ein neuer Jean Monnet erscheint und uns den Weg weist. So viel lässt sich immerhin sagen: Am Horizont zeichnet sich keiner ab. Vielleicht können wir uns stattdessen ein anderes Ziel setzen – die Entstehung eines kollektiven Monnet.
Die Feinde Europas wollen ewig leben. Aber man fragt sich, warum eigentlich – denn sie vermitteln nicht einen einzigen Augenblick lang den Eindruck, das Leben genießen zu können.
GIULIANO DA EMPOLI
Das ist der Wunsch – und zugleich die Einladung –, die ich Ihnen mit auf den Weg geben möchte: Versuchen wir gemeinsam, ein kollektiver Jean Monnet zu werden.
Die Aufgabe mag gewaltig erscheinen. Doch Jean Monnets Geschichte handelt nicht nur von Mut, Weitsicht und Beharrlichkeit.
Sie erzählt auch von einer anderen, stilleren und heiteren Seite, mit der ich schließen möchte.
Jean Monnet war ein Mensch, der zu leben verstand. Ich habe Ihnen von seiner großen Liebe erzählt. Ich hätte Ihnen ebenso von seinem Sinn für Freundschaft und seiner Güte berichten können. Chiang Kai-shek sagte einmal über ihn, er hätte ein großer General werden können – wenn er nicht so freundlich zu seinen Mitarbeitern gewesen wäre.
In seinen Memoiren erinnert sich Paul-Henri Spaak an die hervorragenden Speisen, die auf Jean Monnets Tisch serviert wurden. 1942, als Monnet in Algier eine entscheidende Rolle spielte, lebte er außerhalb der Stadt inmitten prachtvoller römischer Ruinen, umgeben vom Duft wilden Thymians, durchflutet vom klaren mediterranen Licht und einer Fülle von Blumen und Vögeln.
Bei seiner Rückkehr nach Frankreich ließ er sich in dem charmanten Reetdachhaus von Houjarray am Rand des Waldes von Rambouillet nieder, wo er den Rest seines Lebens verbrachte. Heute werden seine Archive auf der Ferme de Dorigny bei Lausanne aufbewahrt – ebenfalls an einem außergewöhnlich schönen Ort.
Das mag nebensächlich erscheinen. Es ist es nicht.
Die Feinde Europas sind nicht so. Sie suchen nicht nach Schönheit, weil sie gar nicht wissen, was Schönheit ist. Sie geben gewaltige Summen aus, um sich mit Hässlichkeit zu umgeben. Man muss sich nur Trumps Immobilien, Putins Paläste oder die Bunker der Tech-Oligarchen ansehen. Sie wollen ewig leben – und doch fragt man sich, warum eigentlich, denn nicht einen Augenblick lang vermitteln sie den Eindruck, das Leben genießen zu können.
Unsere Aufgabe besteht heute darin, eine europäische Lebenskunst neu zu erfinden, die den Herausforderungen unserer Zeit gewachsen ist. Das mag bescheiden klingen. Tatsächlich aber ist es die entscheidende Aufgabe.
GIULIANO DA EMPOLI
Wenn Europa heute an Einfluss verloren hat, bleibt es doch der Ort, an dem die meisten Menschen der Welt leben möchten – selbst viele seiner schärfsten Gegner. Eine jüngst unter jungen Menschen mit universitärer Bildung durchgeführte Umfrage führt sechs europäische Länder unter den zehn beliebtesten Lebensorten der Welt. Die Vereinigten Staaten, einst unangefochten auf Platz eins, gehören heute nicht einmal mehr zu den ersten Zehn.
Im Lauf der Geschichte war die Kunst zu leben stets das wirksamste Gegengift gegen jede Form des Totalitarismus. Denn das totalitäre Streben – ob religiös oder technologisch – zielt darauf, die Zeit zu beherrschen und menschliches Verhalten zu standardisieren. Sein Traum ist ein Mensch, der zur Maschine geworden ist: berechenbar, gleichförmig und vollkommen durchschaubar.
Lebensqualität bedeutet das Gegenteil. Sie steht für Freiheit, Genuss, Launenhaftigkeit und sogar für den Luxus der verschwendeten Zeit – für all das, was jeden Menschen einzigartig macht. Genau diese Qualitäten müssen wir in der neuen Welt des Digitalen und der Künstlichen Intelligenz bewahren und entfalten.
Unsere Aufgabe besteht heute darin, eine europäische Lebenskunst neu zu erfinden, die den Herausforderungen unserer Zeit gewachsen ist. Sie mag bescheiden erscheinen – und ist doch die wichtigste von allen.
Das wird uns nur gelingen, wenn wir uns von Jean Monnets vornehmsten Eigenschaften inspirieren lassen: seinem Mut, seiner Offenheit, seiner strategischen Intelligenz und seiner Beharrlichkeit. Vor allem aber werden wir seine Lebensfreude brauchen, seinen Sinn für Freundschaft und seine Freude am Leben.