Frau Dr. Brede, Sie waren Dr. Alexander Karps erste Dissertationsgutachterin und kennen ihn bereits seit Mitte der 1990er Jahre, als er an der Johann Wolfgang Goethe-Universität zu Frankfurt am Main seine Doktorarbeit schrieb. Welchen Eindruck hatten Sie von Alexander Karp während seiner Zeit in Frankfurt?

Michael Steinberger beschreibt Alexander Karp in seinem Buch Der Unsichtbare 1 in teilweise schrillen Tönen als aus der Welt gefallen, exzentrisch, eine Seite, die mir fremd ist. Wahrscheinlich fallen einem Amerikaner, wie dem Autor, Dinge auf, die ich damals gar nicht bemerkt habe. 

Für mich war Alexander Karp einfach nur ein junger Wissenschaftler, der in der deutschen Academia Fuß zu fassen suchte. 

Wie haben Sie ihn kennengelernt?

Habermas hatte mich angerufen, um mich zu fragen, ob ich mit Alexander einmal sprechen würde.

Er kam – soweit ich mich erinnere, mit Rucksack – in meine Sprechstunde. Er verhielt sich klug, legte  mir sein durchaus eindrucksvolles curriculum vitae vor, aus dem ich seine Bildungsabschlüsse, aber auch seine jüdische Herkunft entnehmen konnte und wohl auch sollte. Im Übrigen schien Alexander wie aus dem Nichts, ohne Kontakte, ohne Fürsprache zu kommen. Da war nichts Exaltiertes, Nonkonformistisches.

Noch während der Sprechstunde habe ich ihm eine Tutorenstelle vorschlagen können und ihm nahegelegt, eine Arbeitsgruppe im Freud-Institut zu besuchen, was er dann auch gemacht hat. 

Was hat denn Alexander Karp in Ihrer Meinung nach Frankfurt gezogen?

Darüber kann ich nur spekulieren. Ich bin mir ziemlich sicher, dass er in dem Bewusstsein gekommen war, jüdischer Herkunft zu sein. Aus seinen Erzählungen konnte ich eine große Sensibilität für bestimmte Zusammenhänge in dieser Hinsicht entnehmen. Dies hat er dann in seinem circa fünfjährigen Aufenthalt in Deutschland umgesetzt, ausdifferenziert und weiterentwickelt – zunächst ohne Deutschkenntnisse. 

Wenn man seine Dissertation über Aggression in der Lebenswelt unter diesem Gesichtspunkt liest, könnte man sagen, dass sie so etwas wie ein Spiegelbild seiner Entwicklung in diesen fünf Jahren darstellt. In die Endphase der Dissertation und seiner Zeit in Frankfurt fiel dann die Interpretation der Walser-Rede 2 von 1998. Da wird alles zusammengeführt, was er sich vorher erarbeitet hatte. 

Wir haben beispielsweise 1994 und 1995 in meinem Fachbereich der Frankfurter Universität an der Planung eines sozialwissenschaftlichen Graduiertenkollegs teilgenommen und einen Schwerpunkt über Autoritarismus vorbereitet. 

Diese Arbeit war auch für ihn spannend. Da ging es bereits soziologisch und psychoanalytisch um Macht und Aggressionsverarbeitung. Warum er daran interessiert war, kann man wieder nur vermuten. Es muss etwas mit der Frage zu tun gehabt haben, wie die Deutschen die Aggression in den vielen Gewalttaten an den Juden während des NS, im Krieg bzw. in zwei Kriegen, die sie führten und verloren, umsetzten. Es war klar, dass die Frage nach den Deutschen als Aggressor nicht allein psychologisch, sondern nur umfassender anzugehen war.

Aggression ist beides, psychisches und behaviorales Geschehen. Über die Ausbildung von Können nimmt sie auf die äußere Welt sowohl gestaltenden als auch zerstörerischen Einfluss. In jener Vorbereitungsgruppe stand aber der Einfluss von Integrationstheoretikern im Vordergrund, die die enorme Bedeutung der Aggression kleinreden oder leugnen. Dagegen wollte Alexander angehen.

Für mich war Alexander Karp einfach nur ein junger Wissenschaftler, der in der deutschen Academia Fuß zu fassen suchte.  

Karola Brede

Für ihn war das Thema Aggression also besonders im deutschen Kontext und der nationalsozialistischen Vergangenheit interessant? 

Das würde ich sagen, ja. Aber er brachte das Interesse hieran bereits aus den USA mit, möchte ich vermuten.

Können Sie uns mehr zum damaligen intellektuellen und sozialen Umfeld Alexander Karps in Frankfurt sagen?

Zum einen ist er relativ bald in der Jüdischen Gemeinde Mitglied geworden. In diesem Kreis ist intern die Frage diskutiert worden, was eigentlich in Deutschland während dem Nationalsozialismus passiert ist. Zu diesem Thema hatte er mich einmal darauf hingewiesen, dass ich vorsichtig sein solle, da dies sehr viel komplizierter sei, als ich es mir vorstellen könnte. Heute würde ich sagen, er gewann über den Kontakt zur Jüdischen Gemeinde eine bestimmte jüdische Perspektive  hinzu, die auch der Dissertation zugute kam. 

Zum anderen war da die Arbeit direkt mit mir. Nach der Veröffentlichung von Daniel Goldhagens Buch Hitlers Willige Vollstrecker 3 1996 haben wir zum Beispiel gemeinsam einen Aufsatz in der Psyche 4 veröffentlicht. Mit dieser Arbeit nahmen wir Stellung zu dem, was Goldhagen mit seiner 700-Seiten-Dissertation an Kritik und an Aussagen über die Deutschen formuliert hat. 

Uns hatte beeindruckt, dass alle Deutschen von Goldhagen in die Frage von Verbrechen und Schuld einbezogen wurden. Goldhagens Buch hat natürlich auch große Schwächen. Einige Historiker haben sich damals sehr kritisch geäußert. Aber es ging eine Faszination davon aus, dass Goldhagen allen Deutschen die Bereitwilligkeit zuschrieb, die Juden zu vernichten. 

Menschen jüdischer Herkunft hat diese These tief beeindruckt und auch Alexander interessiert, um nicht zu sagen: angezogen. 

Weitere Kontakte hatte Alexander Karp im Freud-Institut durch Arbeitskreise und Forschungsgruppen. Wichtig war für ihn seine Beziehung hin zum philosophischen Seminar und zu Habermas. Dazu weiß ich nicht viel, seine Kontakte schienen jedoch offen und für ihn anregend zu sein.

Welche Aspekte von Jürgen Habermas’ Philosophie haben die Arbeit Alexander Karps besonders beeinflusst?

In Alexanders Dissertation ist es vor allem die Theorie kommunikativen Handelns von Habermas, die er anwendet, besonders der sprachtheoretisch orientierte Teil über die Lebenswelt. Dieses Konzept hat er angenommen, aber dann auch für seine Zwecke modifiziert. 

Oft kann man fälschlicherweise lesen, dass Alexander Karp bei Jürgen Habermas promoviert hat, was nicht stimmt. Wie kam es schlussendlich dazu, dass Sie seine Arbeit als Erstgutachterin begleitet haben?

Alexander hat Seminare von Habermas besucht und ist auch in seine Sprechstunde gegangen. Aus den Gesprächen scheint er Anregungen über das Lebensweltkonzept von Habermas aufgenommen und in die Dissertation eingebracht zu haben. Aber offenbar kam es in wichtigen Punkten nicht zu einem Einvernehmen, soweit ich das mitbekommen habe. Später besuchte Alexander Habermas wiederholt in Starnberg 5

Es machte dann Sinn, dass er die Dissertation bei mir schrieb. Sie bezieht sich schließlich auch auf das, was er und ich gemeinsam im Freud-Institut erarbeitet haben. Da ich damals viel auf Gastprofessuren unterwegs war, konnte Alexander meine Stelle als Mitarbeiter im Freud-Institut besetzen, wo damals ansonsten fast nur noch Psychoanalytiker arbeiteten. Deswegen hat er dann mich gefragt, ob ich seine Dissertation betreuen kann, und ich hatte nichts dagegen. Und mit Habermas hat er das dann auch geklärt – das war undramatisch.  

Welchen Einfluss hatten bestimmte Soziologen und Philosophen auf ihn? 

Bis zu seinem Bachelor-Abschluss studierte Alexander am Haverford-College. Vieles, was er bis in seine Dissertation hinein an sozialwissenschaftlichem Wissen verwendet, geht, denke ich, auf diese Zeit zurück. 

Sein Grundstock an Wissen war nicht nur philosophisch, sondern auch stark soziologisch, insbesondere beeinflusst durch Talcott Parsons’ strukturfunktionale Gesellschaftstheorie. Sein Theorieansatz muss ihm dort von einem Parsons-Schüler differenziert vermittelt worden sein. Mir fallen aber auch die Namen von Georg Simmel, Merton, Freud ein. In Deutschland kamen u.a. Hegel und Plessner hinzu. 

Georg Simmel, der bei den Amerikanern viel geläufiger ist, als ich das von deutschen Verhältnissen her kenne, hatte sicher großen Einfluss auf Alexander gehabt. Hier stand aber eher Adorno im Vordergrund, der Simmel wahlverwandt ist. Alexander hat Habermas genau gelesen, er hat sich Adorno, auch die Negative Dialektik, angeeignet. 

War Nietzsche für ihn auch ein gewisser Einfluss?

Nein, soweit ich weiß, hat er für ihn keine signifikante Rolle gespielt. Damals war Nietzsche in Deutschland auch noch tabuisierter als heute. 

Offenbar kam es in wichtigen Punkten nicht zu einem Einvernehmen zwischen Karp und Habermas, soweit ich das mitbekommen habe.

Karola Brede

Hat er sich zur damaligen Zeit mit Alexandre Kojève oder Carl Schmitt genauer auseinandergesetzt?

Das müssen Sie ihn fragen. Das weiß ich nicht, aber ich denke, mit Carl Schmitt schon, vor allem aufgrund seiner Sensibilität in der Frage, was in Deutschland während des Nationalsozialismus politisch vorgegangen war. 

Diese Sensibilität kann man gut an einem Beispiel darstellen: Damals war Ludwig v. Friedeburg noch Leiter des Instituts für Sozialforschung, als Alexander irgendwann herausfand, dass v. Friedeburg Offizier war und dass sein Vater, Hans-Georg v. Friedeburg, Mitunterzeichner der Kapitulationsurkunden der Wehrmacht war. Es hat Alexander sehr befremdet, dass es von Ludwig v. Friedeburg ein Foto in Uniform gibt. 

Alexander war auch in der Zeit da, als die Wehrmachtsausstellung lief. Er konnte somit den Zusammenhang zwischen v. Friedeburg, der deutschen Wehrmacht und der Wehrmacht zur NS-Zeit herstellen. 

Für diese Themen war er immer sehr sensibel.

Alexander Karps auf Deutsch verfasste Dissertation trägt den Titel “Aggression in der Lebenswelt: Die Erweiterung des Parsonsschen Konzepts der Aggression durch die Beschreibung des Zusammenhangs von Jargon, Aggression und Kultur”. Können Sie diese Arbeit kurz zusammenfassen?

Das Stichwort war vorab “Aggression”, was auch Teil des Titels ist, aber die Aggression geht eigentlich nur auf dem Weg über den Jargon in den Text ein.

Das Entscheidende ist, dass Alexander ein Phänomen aufgreift, das in der Soziologie überhaupt nicht gesehen wird: Seit Durkheim geht es um die Frage, was eigentlich eine große Gesellschaft mit einer Masse an Menschen zusammenhält. Dies stand im Vordergrund der Integrationstheoretiker und auch bei Parsons. Die Soziologie hat sich nicht damit beschäftigt, was Aggression für eine Gesellschaft bedeutet, die ständig sozialen Zusammenhalt herstellen und aufrechterhalten muss. Wo bleibt die Aggression? Aggression ist ja an sich als Verhalten, Motivation, Einstellung immer etwas, was eher separiert, was trennt, was auch zerstört und kaputt macht, also den Antipoden zu Zusammenhalt bildet. 

Aber die These Alexanders ist, dass negative Aggression auch höchst sozial integriert sein kann. Er zeigt, dass es Formen von Aggression gibt, die nicht als Devianz und Abweichung wahrgenommen werden, als auffallend oder störend, sondern die akzeptiert sind, zu den Selbstverständlichkeiten gehören und vor dem Hintergrund der kulturellen Grundlagen gerechtfertigt werden, auf denen wir alle unsere Verständigung untereinander herstellen und unsere Urteile fällen. 

Aggression wird somit auch zu allem Legitimen einer Gesellschaft hinzugerechnet und auf einer normativen Ebene akzeptiert. Das ist ein wichtiger Punkt in Alexanders Arbeit, und dieser Punkt berührt auch das Problem der deutschen Geschichte. 

Über die Akzeptanz von Aggression wird auch heutzutage gestritten, aber das Problem nicht gesehen. 

Rechtsextreme, die sich der Gesellschaft zugehörig fühlen, sagen und tun Dinge, die normalerweise nicht akzeptabel, aber juristisch nicht verfolgbar sind. Gleichwohl stellen sie größte Verletzungen normativer Erwartungen dar. Dieses Verhalten wird jedoch nicht nur nicht geahndet, sondern es wird auch akzeptiert, und in gewissen Kreisen findet es die nötige Unterstützung und Billigung, weiterzumachen.

Das ist die Hauptthese, die Alexander aufwirft, und er geht dann weiter auf die Phänomene der Interaktion und der Intersubjektivität ein. Überall steckt natürlich die Aggression mit drin. Aber zu meiner Kritik an seinem Ansatz gehört die Tatsache, dass er den Aggressionsbegriff in seinen unterschiedlichen Bedeutungen ausgespart hat, die der Titel der Dissertation verspricht; er hat ihn sehr zurückhaltend behandelt. Das Wort “vernichten” kommt nicht im Zusammenhang mit Taten, sondern nur mit der Rede auf. 

Die These Alexanders ist, dass negative Aggression auch höchst sozial integriert sein kann.

Karola Brede

Wie haben Sie die Dissertation von Alexander Karp begleitet und miterlebt?

Ich hatte nie eine Mentoren- oder Aufsichtsrolle. 

Ich würde eher sagen, dass ich, wenn er mir seine Positionen dargelegt hat, dann sicher auch meine Auffassung beigetragen habe. Das war’s dann. 

Ich würde unsere Zusammenarbeit damals als gemeinsames Work in progress beschreiben. 

Gab es Reibungspunkte, die Sie mit Alexander Karp während der Entwicklung seiner Thesen hatten? 

Eigentlich nicht. Das hat aber eher mit der fachlichen Personalstruktur am Freud-Institut zu tun. Ich war als Soziologin an einem Institut voller Psychoanalytiker. Niemand konnte mit mir viel anfangen. Es hat uns eigentlich geeint, dass keiner etwas mit uns anfangen konnte. 

Sie haben vorhin bereits erwähnt, dass Alexander Karp nach Deutschland gekommen ist, ohne Deutsch zu können. 

Ja, am Anfang konnte er kein Deutsch, aber nach einem halben Jahr war das Schlimmste vorbei. Er hat sich ja sogar ausbedungen, die Dissertation auf Deutsch zu schreiben, was in Frankfurt auch auf Englisch möglich gewesen wäre. Aber wenn Sie zum Beispiel den Begriff der “Geborgenheit” von Heidegger nehmen, dann müssen Sie es auf Deutsch machen. Auch bei Habermas gibt es viele Begriffe, die einfach nur im Original wirklich richtig herüber gebracht werden können.

Der Begriff der Lebenswelt von Habermas aus Alexander Karps Dissertation ist ebenfalls in anderen Sprachen unübersetzbar. Was versteht er unter diesem Begriff?

Der Lebensweltbegriff hat mit der phänomenologisch orientierten Soziologie zu tun. Sie hat den großen Vorteil, dass man sowohl Sprache als auch Gesellschaft von der Vitalität der lebenden Menschen her verstehen kann. Der Habermassche Lebensweltbegriff wird in der Theorie des kommunikativen Handelns systematisch, ist aber mit dem des Systems ‘verlinkt’. Für Alexander ist Lebenswelt Folgendes: Man stelle sich einen Teich vor, in dem keine Fische, sondern Phänomene, Beobachtungen und sprachlich Erfasstes schwimmen, die alle Einfluss auf das gesamte Teichleben haben und in diesem Rahmen sinnverstehend zugänglich sind. 

Alexander, für den die Parsonssche Handlungstheorie immer wichtig war, wirft Parsons vor, dass er in dem Teich nur die Verbindung zu Kultur gesehen hat und nicht das, was er die Triebe nennt. Er spannt auch die Triebe in die Lebenswelt ein. Wie ein Handwerker schraubt er Kultur in die eine Seite und die Triebe in die andere Seite dieses Teichs hinein.

Was waren Ihrer Meinung nach die Gründen für den Dissens zwischen Habermas und Karp?

Man kann Karps Annahme von Trieben mit diesem Dissenz in Verbindung bringen, aber das ist reine Spekulation. 

Habermas stand dieser Annahme seit der Theorie kommunikativen Handelns von 1981 6 ablehnend gegenüber, als er sich auch von diesem Kernstück der Freudschen Psychoanalyse trennte. Für Freud und dem mit Habermas befreundeten Alexander Mitscherlich demgegenüber war die Triebtheorie unverzichtbarer Teil von Aufklärung. 

Karp, der in der Dissertation kaum psychoanalytisch argumentiert, hebt also eine soziologisch als zweifelhaft geltende Vorstellung in das Lebensweltkonzept hinein. Da kommt dieses Bild von Parsons von den Lichtkegeln zum Zuge, die in die Dunkelheit gerichtet sind. In den Lichtkegel geraten immer wieder andere Themen und Komplexe, die in der Kultur relevant werden, dort ausgebaut und entwickelt werden, sich vertiefen, von den Beteiligten übernommen und zu Selbstverständlichkeiten werden, die den Alltag prägen. Das ist von der Kulturseite her das Wichtige. 

Sieht man von meinen Vereinfachungen ab, dann besteht die Kritik von Karp an Parsons darin, dass Parsons nur diese Kulturseite gesehen hat. Und wenn Sie mich fragen, hat Karp den Triebbegriff so gedreht, dass von ihm nur die Gerichtetheit übrig blieb, die dann die Form von Bedürfnissen und Wünschen annimmt. 

Also stehen jetzt in dieser Lebenswelt die Kultur und die Triebe in Gestalt von Bedürfnissen und natürlich auch in Gestalt von Aggression auf komplexe Weise vermittelt einander gegenüber. Diese beiden Seiten wirken auf die Angehörigen der Gesellschaft und auf jeden Einzelnen darin ein und zerreißen sie in gewisser Hinsicht. Auf der einen Seite gibt es sozusagen diese kulturelle Welt der Normen, der Werte, der Selbstverständlichkeiten vor dem Hintergrund von immer anders ausgeleuchtetem Hintergrundwissen. Auf der anderen Seite kommt in diese Lebenswelt etwas hinzu, was die eigenen Bedürfnisse oder Wünsche betrifft, die man haben kann, die aber nicht geäußert werden dürfen. Was bleibt, ist der Rekurs auf Selbsterhaltung in Form der Selbsttäuschung.

Um diese beiden sich gegenüberstehenden Seiten aufeinander beziehen zu können, sagt Karp, bedienten sich die Mitglieder der Gesellschaft des Jargons. Der Jargon ist für Karp dabei immer unecht, weil es nichts mehr gibt, das echt ist. Das ist der Negativismus der Karpschen Position: Es gibt nur Verlogenes, Unechtes, nur Falsches. Das ist – vereinfachend ausgedrückt – eine Radikalisierung der Adornoschen Position aus dem Essay über den Jargon der Eigentlichkeit 7.

Inwiefern verwendet Karp dieses Adornosche Konzept?

Der Haupteffekt von Jargon ist, dass er nur diejenigen einschließt, die dazugehören, aber Jargon hat auch eine andere Seite.

Adorno gibt ein Beispiel dafür an: Wenn jemand telefoniert und “auf Wiederhören” sagt, was heißt dann dieses “Auf Wiederhören” eigentlich? Es könnte heißen, “wir hören uns wieder”. Das heißt, der Sprechende macht ein Versprechen einer künftigen Begegnung und impliziert, “wir haben eine Beziehung, die wir bewahren wollen”. Mit etwas strenger Intonation ausgedrückt, kann “Auf Wiederhören” jedoch auch bedeuten, dass man sich über denjenigen ärgert, mit dem man telefoniert, und froh ist, dass man auflegen kann. 

Es gibt also diese Vieldeutigkeit, durch die das, was man eigentlich sagen will – in diesem Beispiel “ich will gar nicht mit dir telefonieren” – zum Subtext wird. Dieser Subtext schafft eine Mehrdeutigkeit des Geäußerten und wird durch die Intonation vom Gegenüber auch registrierbar. 

Vereinfacht gesagt, hat Karp das Adornsche Konzept des Jargons radikalisiert.

Karola Brede

Diese Mehrdeutigkeit ist etwas ganz Wichtiges und das Kernstück des Jargons. 

Adorno macht dies am Heideggerschen Begriff des “Auftrags” fest. “Auftrag” heißt zunächst nichts anderes, als dass jemand sagt “Tu mal das”. “Auftrag” kann aber auch religiöse Hintergründe haben. Gleichzeitig kann er Macht implizieren, und jemand kann mit etwas beauftragt werden, was er gar nicht tun will oder was nicht erlaubt ist. In Jargon steckt also immer wieder dieses Gegenläufige von Wunsch und Verbot. 

Die Fallstudie, die Alexander Karp für seine Dissertation wählte, beschäftigt sich mit der kontroversen Rede Martin Walsers, die er zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 1998 in der Frankfurter Paulskirche hielt. Sie haben diese Rede ebenfalls gründlich untersucht und in einem Artikel beleuchtet 8. Können Sie den Kontext näher erleutern und erklären, warum Alexander Karp gerade diese historische Sequenz für besonders wichtig erschien und passend als Anwendung seiner These?

In der Rede Martin Walsers geht es darum, dass er die Nase voll hat, sich ewig an die Verbrechen der Deutschen von vor damals über 50 Jahren erinnern zu sollen. “Moralkeule” war darin sein Schlagwort. 

Alexander hat die Rede verwendet, weil sie in Ihrer Vollständigkeit eine gelungene Anwendung des zuvor genannten Jargon-Konzepts ist, aber in einer besonders markanten Totalität und Radikalität.

Die Rede hat das Publikum von Intellektuellen, hochkarätigen Juristen und Politikern zu Standing Ovations und großem Applaus bewegt. Dies war auch auf einem berühmten Foto, das damals im Spiegel erschien, deutlich zu erkennen. Diese Zustimmung war natürlich eine Reizbeobachtung für Karp, weil sie zeigt, dass der Jargon funktioniert. Er bringt die Leute dazu, Walser zu applaudieren, obwohl er ihnen gerade vor die Füße wirft, dass sie Erinnerungsdienste in Anspruch nehmen und sich missbrauchen lassen von irgendwelchen Intellektuellen und Kritikern.

In Alexanders Buch The Technological Republic habe ich gesehen, dass Alexander die Walser-Rede erwähnt, aber völlig losgelöst von den Ausführungen in seiner Dissertation. An der Rede macht er in seinem Buch einfach nur fest, dass die Deutschen es nach ’45 zum Schaden ganz Europas versäumt hätten, eine Identität als Nation auszubilden. Ich halte das für überzogen und zu kurz gegriffen. Die bejahende Identifizierung mit dem Land fiel vielen – auch mir – schwer. Im Vordergrund standen und stehen – selbst durch ihre Verleugnung hindurch – die grauenvollen Verbrechen der Nazi-Zeit und später die Kriegsschicksale. Erst nach der Integrierung der DDR setzte sich über politische Lager hinweg ein gesellschaftliches Bewusstsein von « Nation » durch, und die Rede von « BRD », die selbst Jargon ist, verschwand. 

Die Belastung, mit der Alexander sich auseinandersetzt, ist unentziehbar in seiner jüdischen Existenz begründet. Lassen Sie mich deshalb noch einmal auf das Problem der Aggression in der Dissertation zurückkommen, das bei Alexander zu kurz gekommen ist. 

Die Bedrohung Israels während des Kriegsgeschehens nach dem 7. Oktober 2023 haben viele Juden in Israel und in der Diaspora politisch ohnmächtig erfahren. Die militärische Aggressivität auf das schwere, vorbereitete Pogrom wurde öffentlich wiederholt mit der seelisch tief eingegrabenen kollektiven Vernichtungsangst des jüdisch-israelischen Volkes gerechtfertigt. Mit dieser Angst lässt sich nach meiner Auffassung kein Krieg begründen. Aber Angst und Aggression vertreten einander. Und Alexander hat, so schreibt Weinberger, die aggressive Kriegsführung Israels ausdrücklich bejaht. 

Es kann daher sein, dass sich der Dissertationsautor Karp – auf der Seite der Bellizisten stand er schon früher – vorbewußt eine Option für sein eigenes Handeln in Situationen offenhält, die für die jüdische Existenzweise gefahrvoll sind und eine aggressive Haltung der aktiven Gegenwehr erfordern. 

Die Sehnsucht nach einer guten Gesellschaft, die man dem Buch über die Technological Republik ansieht, kann man als Bruch mit jenem aufklärerischen Negativismus der Dissertation sehen. Sie wirkt aber auf mich wie abgespalten, wie Angst beschwichtigend. Sie ist in den ideologischen Zügen einer Überzeugung von heilsamer Technologie untergebracht.

Normen anders zu interpretieren, als dies andere tun, vielleicht ist das das tiefer liegende Grundthema Alexander Karps.

Karola Brede

Worin sehen Sie die intellektuelle Eigenart Alexander Karps in seiner Dissertation? 

Es ist das Aufgeben wissenschaftlicher Verhaltensmuster in seinem methodischen Vorgehen. Er schreibt nicht in poetischer Sprache, belegt aber auch oft nicht, verwendet Behauptungen, und trotzdem hat die Arbeit einen logisch aufgebauten Verstehensfluss. 

Es gibt auch Passagen, von denen ich immer noch sagen würde, wenn es so weit gekommen wäre, diese Arbeit damals öffentlich zu machen, hätte er sie noch überarbeiten müssen. Es gibt Passagen, die nicht ganz klar sind – Alexander war kein native speaker im Deutschen – aber insgesamt ist da von Anfang bis Ende ein Duktus drin, der über die Sprache funktioniert. Er schreibt aus dem Denken, und was daraus folgt, heraus und nicht aus gestelzter Intellektualität.

Alexander Karps Dissertation endet etwas abrupt – ohne lange Conclusio, oder abschließende kritische Schlussfolgerung. Wie kann das interpretiert werden?

Das meine ich mit Form und Methode. Er ist nicht der Typ, der Formen wahren kann. Nicht im persönlichen, sondern im wissenschaftlichen Sinn. 

Er sprengt dabei, ohne es zu wollen, immer irgendwie die Grenzen. 

Vielleicht ist das sein tiefer liegendes Grundthema, Normen anders zu interpretieren, als dies andere tun. Ich habe das aber nie als komisch oder skurril gesehen, nicht, wie Steinberger ihn beschreibt.

Alexander Karps Dissertation ist sehr distanziert, fast schon kühl und emotionslos verfasst. Die Gräueltaten, auf die er Bezug nimmt, wurden jedoch am jüdischen Volk begangen, aus dem ein Teil seiner Familie stammt. Wie erklären Sie sich das? 

Ich habe in Gesprächen mit ihm einmal bemerkt, dass man durch die Ambiguitätserfahrung, dadurch, dass man durch gewisse Erfahrungen zwischen zwei Stühlen sitzt, klüger wird. Darauf erwiderte er, dass man das nicht sagen dürfe. 

Ich habe ihn damals so verstanden, dass dies für ihn aufgrund seiner kulturell amerikanischen Sozialisierung verpönt war. Wir waren uns in dieser Erfahrung zwar einig, denke ich. Aber er muss darin die Gefahr gesehen haben, man könne meine Äußerung als rassistisch missverstehen. Die Dissertation zeigt mir, dass sich bei ihm seither einiges geändert hat. 

Ich finde, ehrlich gesagt, Alexander passt besser nach Europa als in die USA.

Warum?

Er konnte hier Beobachter sein. Er hat an einer Stelle in seiner Arbeit geschrieben, dass jüdische Mitglieder der Gesellschaft mehr sehen als andere, weil sie sich ausgegrenzt erfahren. Dieser Status des Beobachters wird auch von Georg Simmel sehr gut herausgearbeitet. Der Fremde ist nie so verstrickt wie der Partikularist in der Eigengruppe. 

Über die unternehmerische Tätigkeit scheint Karp auf den Gedanken gekommen zu sein, er könnte eine Zukunft entwerfen, wenn man die Macht zu gesellschaftlicher Veränderung hätte. 

Karola Brede

Warum ist Ihrer Meinung nach Alexander Karp nicht bei der Wissenschaft geblieben?

Seine jetzige Entwicklung, auch sein gerade erschienenes Buch The Technological Republic, deuten auf eine Komponente hin, die mir illusionär vorkommt. An der Universität in Frankfurt gab es eine Reihe von Studierenden, die ausgesprochen oder unausgesprochen das Problem hatten, das extrem Negative nicht aushalten zu können oder zu wollen. Es gab Leute, die deswegen weggegangen sind. Alexander hat aber lange Zeit das Gegenteil gemacht. Es hat ihn angezogen. 

Alexander war auf der Suche nach deutschen Besonderheiten, Spuren, die in die  nationalsozialistische Vergangenheit zurückführten. Ich habe schon das Beispiel des 1924 geborenen v. Friedeburgs erwähnt, Hessischer Kultusminister und Leiter des 1933 von den Nazis geschlossenen Instituts für Sozialforschung, der eine Offiziersuniform der Wehrmacht trug. 

Mir fällt auch sein Befremden darüber ein, dass die Frankfurter Synagoge durch Poller abgeschirmt war, die den Bürgersteig und die Straße davor hälftig abschirmen. (Nach Alexanders Zeit richtete die Stadt dort eine ständige Polizeiwache ein.) In einer Nebenstraße Berlins beobachtete er einen Wache stehenden Polizisten an einer Gedenkstätte, an der nach 1939 Juden zur Deportation ‘eingesammelt’ wurden. Auffallend und irritierend war daran für ihn, dass antisemitische Bedrohung, gegen die sich diese polizeiliche Maßnahme richtete, nirgends vorhanden zu sein schien.

Nach seiner Dissertation hat er aber dann anscheinend einen veritablen Schnitt gemacht. 

Er hat sie beendet und ist ganz schnell aus Deutschland weggegangen. Zunächst ist er in die skandinavischen Länder und dann nach San Francisco gegangen, wo er wieder mit Peter Thiel zusammentraf. 

Aber dieser abrupte Schnitt, auch der Schnitt von Wissenschaft hin zu Geschäftstätigkeit als Unternehmer, ist schon auffallend. Es handelt sich hier also um eine Frage, die wahrscheinlich nur er selbst beantworten kann. 

Ich denke, er musste irgendwie aus diesem extremen Negativismus herauskommen, auch, was seine persönliche Haltung zu seinem Denken in der Dissertation anging. Bei Alexander herrscht Jargon ja nicht nur in einzelnen Gruppen, sondern er existiert gesamtgesellschaftlich. Dann fragt man sich, welche Gesellschaft meint er? Meint er die deutsche Gesellschaft oder vielleicht auch die amerikanische, der man auch einiges nachsagen kann, was aber anscheinend nicht im Vordergrund steht? 

Er scheint dann über diese ganz andere – unternehmerische – Tätigkeit auf den Gedanken gekommen zu sein, er könnte eine Zukunft entwerfen, wenn man die Macht zu gesellschaftlicher Veränderung hätte und hat, die Idee einer republikanischen Gesellschaft durch Technologie herbeizuführen. Der Titel seines neuen Buches heißt ja treffend The Technological Republic.

Footnotes
  1. Michael Steinberger, Der Unsichtbare. Tech-Milliardär Alex Karp, Palantir und der globale Überwachungsstaat, München, Penguin, 2025.
  2. Rede des Schriftstellers Martin Walser vom 10. Oktober 1998, dem Tag, an dem ihm der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen wurde. Die Rede sorgte wegen ihrer Auseinandersetzung mit der Erinnerung an den Nationalsozialismus für Kontroversen: Walser vertrat darin die Ansicht, dass sich in den deutschen Medien eine „Routine des Beschuldigens“ etabliert habe, die den Bürgern des Landes die Vergangenheit des Nationalsozialismus vorwerfe. Die „Instrumentalisierung unserer Schande zu gegenwertigen Zwecke“ habe somit als eine Art „Moralkeule“ gewirkt.
  3. Daniel Goldhagen, Hitlers Willige Vollstrecker. Ganz gewöhnliche Deutsche und der Holocaust, Berlin, Siedler Verlag, 1996.
  4. Karola Brede und Alexander C. Karp, “Eliminatorischer Antisemitismus: Wie ist die These zu halten?”, Psyche, 1997, 51(6), pp.606-628.
  5. Nach dem – nennen wir es einmal so – Zerwürfnis mit Habermas und aufgrund meiner Auseinandersetzung mit Karps Dissertation, die für das Dissertationsgutachten erforderlich war, ist mir unverständlich geblieben, weshalb es nicht zur Einigung von Habermas mit Karp gekommen ist. Damals wie heute vermute ich, dass die Gespräche, die beide führten, nicht geeignet waren, Habermas in die von Karp aufgeworfene Fragestellung und Problematik eingehender einzuführen. Jedenfalls ergibt die Re-Lektüre meines Gutachtens und die Wiederbefassung mit dem gesamten Text der Dissertation im Zusammenhang mit der Einladung zu einem Gespräch mit Le Grand Continent keine andere Einschätzung. (Anm. von Karola Brede)
  6. Jürgen Habermas, Theorie des kommunikativen Handelns. 2 Bde., Frankfurt am Main, Suhrkamp, 1981.
  7. Theodor W. Adorno, Jargon der Eigentlichkeit, Zur deutschen Ideologie, Frankfurt am Main, Suhrkamp Verlag, 1964.
  8. Karola Brede, “Die Walser-Bubis-Debatte. Aggression als Element Öffentlicher Auseinandersetzung”, Psyche, 54 (3), 2000, pp. 203-33.