{"id":41343,"date":"2009-06-22T22:40:04","date_gmt":"2009-06-22T20:40:04","guid":{"rendered":"https:\/\/legrandcontinent.eu\/fr\/?p=41343"},"modified":"2021-03-17T15:27:28","modified_gmt":"2021-03-17T14:27:28","slug":"der-unvernunft-entgehen-ein-europaisches-gesprach-mit-robert-menasse","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/legrandcontinent.eu\/fr\/2009\/06\/22\/der-unvernunft-entgehen-ein-europaisches-gesprach-mit-robert-menasse\/","title":{"rendered":"Der Unvernunft entgehen : Ein europ\u00e4isches Gespr\u00e4ch mit Robert Menasse"},"content":{"rendered":"\n
Wir treffen den \u00f6sterreichischen Schriftsteller in einem Caf\u00e9 in der N\u00e4he der ber\u00fchmten Gare Saint Lazare, im Herzen des Musik- und Schriftstellerviertels des 19. Jahrhunderts. Im Januar hatten wir eine <\/em>Rezension<\/em><\/a> seines preisgekr\u00f6nten Romans Die Hauptstadt anl\u00e4sslich dessen \u00dcbersetzung ins Franz\u00f6sische ver\u00f6ffentlicht. Die kommenden Wahlen kommen aber nat\u00fcrlich ins Gespr\u00e4ch, sowie die heutige politische Situation in Deutschland und \u00d6sterreich. <\/em><\/p>\n\n\n\n Ich halte diese Leseweise, immer wieder Musil in meinem Roman zu entdecken, f\u00fcr \u00fcbertrieben. Nur weil dort eine Feier geplant wir zum Geburstag der Europ\u00e4ischen Kommission. Das alleine ist doch noch keine Parallele zu Musil. Bei Musil geht es ja um die sogenannte Parallelaktion.<\/p>\n\n\n\n Na gut, aber wenn Sie einen runden Geburtstag feiern, ist das auch ein Jubil\u00e4um, ja, und es hat wohl nichts mit Musil zu tun !<\/p>\n\n\n\n \u00bbDie Habsburger Monarchie kann man als Vorl\u00e4uferin der Europ\u00e4ischen Union sehen.\u00ab <\/p>Robert Menasse<\/cite><\/blockquote><\/figure>\n\n\n\n Aber gewisse Parallelen gibt es doch : Musil beschreibt das letzte Jahr vor Kriegsausbruch, und schlie\u00dflich den Untergang der Habsburger Monarchie. Nun, die Habsburger Monarchie kann man als Vorl\u00e4uferin der Europ\u00e4ischen Union sehen. Sie war ja nichts anderes als ein gemeinsamer Markt, mit einer gemeinsamen W\u00e4hrung, multinational, ohne eigene Nationsidee, mit einer gemeinsamen Verwaltung und einem gemeinsamen Rechtszustand. Sie ist nicht untergegangen, weil sie nicht funktionierte, sondern sie ist untergegangen, weil die Nationalisten sie in die Luft gesprengt haben. Vor genau diesem Problem stehen wir heute wieder. Wir haben einen gemeinsamen Markt, eine gemeinsame W\u00e4hrung, eine gemeinsame B\u00fcrokratie, Ans\u00e4tze eines gemeinsamen Parlamentarismus und einer gemeinsamen Demokratie, einen gemeinsamen Rechtszustand und -rahmen, und wir erleben eine Renationalisierung in Teilen der Europ\u00e4ischen Union. Wir stehen vor demselben Konflikt, der auch ein Todeskampf der EU sein kann, und ich bin der Meinung, dass genauso wie 1913-1914 die heute politisch Verantwortlichen Schlafwandler sind. Sie sehen das Problem nicht : Im Gegenteil, sie glauben, wenn sie das Problem versch\u00e4rfen, das hei\u00dft wenn jeder seine eigenen nationalen Interessen verteidigt, dann werden sie das Problem l\u00f6sen. Stattdessen versch\u00e4rfen sie es aber, ununterbrochen. Das habe ich in dem Roman nicht so klar gemacht, weil ich vor allem erz\u00e4hlen wollte, wie die Menschen arbeiten und welche Widerspr\u00fcche Sie in den Institutionen haben.<\/p>\n\n\n\n Er kam dann schon. Aber zwei Sachen sind in dem Zusammenhang interessant. Die erste ist : Es sind einige Abgeordnete hinausgegangen. Und ich glaube, dass dieser Moment wichtig war, da haben sich Menschen umgedreht, haben gefragt : \u201eWas ist da los ?\u201d Mir ist nachher gesagt worden, es waren ungarische und polnische Abgeordnete. Und dann hat ein Abgeordneter zu mir gesagt : \u201eDas war so ein Moment, so fast schockartig, weil im Grunde sind Sie ja genau dieser Meinung, aber es hat seit Jahren dies niemand so klar und kompromisslos gesagt.\u201c Mir haben mehrere Abgeordnete so nach und nach gesagt, dass es Ihnen wohltuend gewesen war, es war wohltuend gewesen, dass es einmal ausgesprochen wurde. Sie leiden immer wieder unter dem Image, dass sie eigentlich im schlechteren Parlament s\u00e4\u00dfen, denn die wichtigen Parlamente sind die nationalen Parlamente, und man schickt diejenigen nach Br\u00fcssel oder Stra\u00dfburg, die man innenpolitisch nicht so gut brauchen kann. Darum waren sie eigentlich erleichtert, sie dachten : \u201eEr sagt es\u201c, aber der Applaus war ja zeitversetzt.<\/p>\n\n\n\n Ich habe einige Abgeordnete kennengelernt. Im Europ\u00e4ischen Parlament arbeiten sehr engagierte, hochqualifizierte und politisch bewusste M\u00e4nner und Frauen. Andererseits gibt es 750 von Ihnen, und es ist vollkommen klar, dass es dort alles M\u00f6gliche gibt, wie \u00fcberall, wo viele Menschen zusammenarbeiten : Da gibt es Heilige, da gibt es Zyniker, da gibt es Karrieristen, da gibt es Faulpelze, da gibt es K\u00e4mpfer. Die Europ\u00e4ische Union ist ein menschengemachtes Ding, das muss man begreifen. Es ist ja so auff\u00e4llig, wenn man mit Menschen \u00fcber die EU redet, oder dar\u00fcber, was europapolitisch notwendig sei, dass die meisten Menschen, fast alle, die EU als ein gro\u00dfes Abstraktum erleben. Es hat kein Gesicht f\u00fcr sie. Sie kennen mit M\u00fche und Not den Juncker ; schon den Tusk w\u00fcrden sie auf einem Foto nicht erkennen ! Es ist immer die EU, oder wieder ganz abstrakt : Br\u00fcssel. Br\u00fcssel will\u2026 Br\u00fcssel plant\u2026 Aber dass es von Menschen gemacht wird, und dass da Menschen in Verantwortung stehen, und dass es Interessengegens\u00e4tze, Interessenskonflikte gibt, wie in jeder Gesellschaft, das sehen die nicht.<\/p>\n\n\n\n Ich glaube, wir m\u00fcssen \u00fcber unser Demokratieverst\u00e4ndnis diskutieren. Wenn es eine Mehrheit gibt f\u00fcr Unvernunft, dann ist die Durchsetzung von Unvernunft nicht demokratisch, sondern unvern\u00fcnftig. <\/p>\n\n\n\n \u00bbWenn es eine Mehrheit gibt f\u00fcr Unvernunft, dann ist die Durchsetzung von Unvernunft nicht demokratisch, sondern unvern\u00fcnftig.\u00ab <\/p>Robert Menasse<\/cite><\/blockquote><\/figure>\n\n\n\n Ich gebe ein ganz einfaches Beispiel. Wenn die Mehrheit einer Population sich die Todesstrafe w\u00fcnscht, dann ist es falsch, sie wieder einzuf\u00fchren, denn es muss das Menschenrecht eigentlich das h\u00f6here Gut sein. Nicht alles, was eine Mehrheit sich w\u00fcnscht, ist deswegen legitimiert, das ist das eine. Das zweite ist, Demokratie erweist sich immer auch im Kompromiss mit den Minderheiten. Das hei\u00dft, wenn 40 % eine weite Entwicklung der Europ\u00e4ischen Union wollen, 60 % eine St\u00e4rkung der nationalen Souver\u00e4nit\u00e4t, dann ist es die Aufgabe der politisch Verantwortlichen, der gew\u00e4hlten, zu sagen, wir k\u00f6nnen die Herausforderungen, vor denen wir politisch stehen, in nationaler Souver\u00e4nit\u00e4t nicht bew\u00e4ltigen. Und wir m\u00fcssen ein Kompromiss finden mit den 40 %, die das verstehen. Es w\u00fcrde also nur bedeuten, man macht jetzt keinen gro\u00dfen Sprung, sondern man argumentiert f\u00fcr die Vernunft, und macht dann kleine Schritte. Und dann kommt noch etwas dazu : In dem Ma\u00df, wie eine falsche Entscheidung durch eine Mehrheit sich als unbrauchbar erweist, in dem Ma\u00df m\u00fcssen die demokratischen Vertreter das auch klar machen, statt darauf immer zu insistieren : \u201eAber ihr habt es ja so gewollt !\u201d. Man kann einem Kind, das im strengen Winter keinen Wintermantel tragen m\u00f6chte, nicht sagen, wenn es erfriert : \u201eDu hast es so gewollt !\u201d Da muss der Erziehungsberechtigte sagen : \u201eDu ziehst jetzt diesen Mantel an, weil du sonst erfrieren wirst.\u201d<\/p>\n\n\n\n Schauen Sie, was ist Demokratie ? Demokratie ist der Fortschritt gesellschaftlicher Organisation im Geiste der M\u00fcndigkeit und der Vernunft. Da gibt es immer R\u00fcckschl\u00e4ge, aber wir sehen sie nicht. Dass es im Jahr 1918 <\/span>3<\/sup><\/a><\/span><\/span>, wirklich eine Mehrheit gab f\u00fcr das Frauenwahlrecht, war nicht der Fall <\/span>4<\/sup><\/a><\/span><\/span> ! Es haben nicht einmal hundert Prozent der Frauen es gewollt !<\/p>\n\n\n\n In jedem demokratischen System gibt es Interessengegens\u00e4tze, die in die Frage m\u00fcnden, wie das Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnis sei. Wenn das Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnis trotz Minderheit eine notwendige politische Entscheidung erlaubt, dann kann man einen Schritt weiterkommen. Aber es ist vollkommen klar, dass die Mehrheit nicht v\u00f6llig overruled<\/em> werden darf. Es ist aber da genau was die Rechten, die Rechtsextremen und die Rechtspopulisten wollen. Sie glauben, wenn sie einmal die M\u00f6glichkeit haben, einen Hebel umzulegen, sind sie auch dazu berechtigt ; auch wenn es 49 % gibt, die das nicht wollen. Der Unterschied zwischen Demokraten und plebiszit\u00e4ren Demokraten ist ja genau der : Demokraten suchen Kompromisse, und in der plebiszit\u00e4ren Demokratie, in der Demokratie mit Volksabstimmungen, mit Ja-oder-Nein-Referenden, gibt es keine Kompromisse. Das ist ja das Problem : Dass die Rechten und Rechtsextremen kompromisslos sind. Eben das ist das Problem, und nicht, dass es noch keine Mehrheit gibt von denen, die sich eine weite Entwicklung der supranationalen Demokratie in Europa w\u00fcnschen.<\/p>\n\n\n\n Ich sehe das so : Wenn es Menschen gab, die bereits 1850 oder 1851 etwas f\u00fcr vern\u00fcnftig gesehen haben, was im 21. Jahrhundert noch deutlicher als notwendig erscheint, dann muss man darauf vertrauen, dass man es argumentieren kann. Wenn sie Victor Hugos Essay f\u00fcr Europa<\/a> lesen, finden Sie darin, dass die franz\u00f6sische Nation nichts anderes war, als der Beschluss, verschiedene Provinzen zu einem gemeinsamen solidarischen Rechtszustand zusammenzuf\u00fchren <\/span>7<\/sup><\/a><\/span><\/span>, und dass dies nicht das Ende der Geschichte ist ! Warum sollten nicht dereinst alle europ\u00e4ischen Provinzen in einem gemeinsamen Rechtsrahmen leben ? Das ist ja nichts anderes als die europ\u00e4ische Idee. Dass Victor Hugo damals bei seinen Lesern oder bei den Franzosen auch Kopfsch\u00fctteln geerntet hat, \u00e4ndert ja nichts daran. Einer hat es denken k\u00f6nnen. Und die Ironie der Geschichte ist, dass er dann Paris verlassen hat, und wohin ist er gegangen ?<\/p>\n\n\n\n Nein, zuerst nach Br\u00fcssel <\/span>8<\/sup><\/a><\/span><\/span> ! Das ist doch lustig. Der hat gewohnt im Grand Place, genau gegen\u00fcber dem Haus, in dem Marx und Engels das kommunistische Manifest geschrieben haben. Jetzt sage ich Ihnen aber was : Die Idee mit der Zusammenfassung der europ\u00e4ischen Provinzen in einem gemeinsamen Rechtszustand finde ich vern\u00fcnftiger, als die Idee vis-\u00e0-vis auf der anderen Seite des Platzes von der Diktatur des Proletariats !<\/p>\n\n\n\n \u00bbMan sagt immer : Vernunft ist kalt – und Emotionen, das haben die Rechten. Ich sage Ihnen, Vernunft ist kuschelig warm.\u00ab <\/p>Robert Menasse<\/cite><\/blockquote><\/figure>\n\n\n\n Man sagt immer : Vernunft ist kalt – und Emotionen, das haben die Rechten. Ich sage Ihnen, Vernunft ist kuschelig warm. Wenn ich in friedlichen, vern\u00fcnftigen, gerechten Verh\u00e4ltnissen lebe, f\u00fchle ich mich besser aufgehoben als in der Aggression der Nationalisten. Das ist das eine. Das zweite ist, dass man nicht vergessen darf, dass das europ\u00e4ische Einigungsprojekt im Schock der Erfahrungen der ersten H\u00e4lfte des zwanzigsten Jahrhunderts begonnen wurde, im Schock der Erkenntnis, was Auschwitz war. Auschwitz als radikalste Konsequenz von Nationalismus und Rassismus. Damals ging es im Wesentlichen darum, Frieden herzustellen, Gerechtigkeit \u2013 also einen gerechten politischen Rechtsrahmen als Konsequenz einer historischen Erfahrung. Es ging auch um die gerechte Verteilung der f\u00fcr den Wiederaufbau wichtigen G\u00fcter, Kohle und Stahl ; Kohle und Stahl sind ja nicht nur f\u00fcr die Kriegsproduktion, sondern auch f\u00fcr den Wiederaufbau wichtig gewesen. Es war eine Reaktion auf ganz frische historische Erfahrungen, und deswegen hat es auch funktioniert : Weil die Erfahrung ganz stark in den K\u00f6pfen war, und in den Herzen.<\/p>\n\n\n\n Das interessante ist, dass heute auf derselben Grundlage eine neue Erfahrung dazu kommt, und diese Erfahrung hatten die Gr\u00fcnder des europ\u00e4ischen Friedensprojektes noch gar nicht vorhersehen k\u00f6nnen : die Erfahrung, die wir heute mit der Globalisierung haben. Sie lautet : Wir sind im Zuge der Globalisierung mit der Tatsache konfrontiert, dass keine Nation alleine die damit verbundenen gro\u00dfen Herausforderungen bew\u00e4ltigen kann, die gro\u00dfen Probleme l\u00f6sen kann. Wir haben heute die Erfahrung, dass alle unser Leben definierenden Ph\u00e4nomene l\u00e4ngst nachnational sind, l\u00e4ngst transnational, von der Wertsch\u00f6pfungskette \u00fcber die Finanzstr\u00f6me (die uns Probleme bereiten), den Steuerwettbewerb, die \u00f6kologischen Probleme, den Welthandel, Terrorismus und alle Sicherheitsfragen und so weiter. Ich m\u00f6chte den Nationalisten sehen, der mir glaubhaft erz\u00e4hlen kann, wenn die Erderw\u00e4rmung ein Problem ist, dann ist es das Problem der anderen Nationen, denn wir schlie\u00dfen die Grenzen und lassen die Erderw\u00e4rmung nicht bei uns herein. Man kann das schon erz\u00e4hlen, und man kann auf diese Weise Emotionen wecken, auch Heiterkeit. Es ist ja nichts t\u00f6dlicher f\u00fcr die Nationalisten, als wenn immer mehr Menschen \u00fcber sie lachen.<\/p>\n\n\n\n Was ich denen vorwerfe, die jetzt in politischer Verantwortung stehen, ist ja nicht, dass sie keine Emotionen wecken k\u00f6nnen f\u00fcr die EU, wie sie ist ; weil die EU, wie sie ist, doch Emotionen ausl\u00f6st, n\u00e4mlich \u00c4rger. Sondern, dass sie nicht erz\u00e4hlen, worum es geht, sondern nur das Status Quo zu verwalten versuchen. Denn der Status Quo ist eine multiple Krise. Man darf ja nichts sch\u00f6nreden. Aber man muss erz\u00e4hlen, wie wir aus der Krise heraus k\u00f6nnen, und das k\u00f6nnen sie nicht, das k\u00f6nnen sie nicht.<\/p>\n\n\n\n besch\u00e4ftigt. Wenn Sie mein Alter wissen, dann wissen Sie, dass ich in den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts geistig und intellektuell sozialisiert wurde. Die 70er Jahre waren die Glanzzeiten eines neuen Keynesianismus, die Glanzzeiten der europ\u00e4ischen Sozialdemokratie, also Willy Brandt <\/span>10<\/sup><\/a><\/span><\/span>, Olof Palme <\/span>11<\/sup><\/a><\/span><\/span>, Bruno Kreisky <\/span>12<\/sup><\/a><\/span><\/span>. Es wurden heftige Diskussionen \u00fcber den Keynesianismus gehalten ; konservative Parteien haben ihn nat\u00fcrlich bek\u00e4mpft. Aber f\u00fcr mich war die Zeit schon pr\u00e4gend. Ich habe dann sp\u00e4ter, viel sp\u00e4ter, einen Mann kennengelernt, der \u00d6konomieprofessor in Wien war. Er hatte bereits in den sp\u00e4ten 80er Jahren Keynes weiterdenken wollen \u2013 er sagte, wenn Keynes immer noch da w\u00e4re und die gegenw\u00e4rtige Situation sehen w\u00fcrde, w\u00fcrde er ja weiterarbeiten. Versuchte man, das weiterzudenken, dann kam man zu einem zukunftsweisenden neuen Keynesianismus. Dieser Mann war in den sp\u00e4ten 80er Jahren einer der ersten, der ein Konzept des bedingungslosen Grundeinkommens entwickelte. Er hatte schwere Probleme damals schon kommen sehen, was die Automatisierung und die Digitalisierung anging.<\/p>\n\n\n\n Und er hat daraufhin seine Professur verloren die Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens beziehungsweise auch die Idee einer europ\u00e4ischen Fiskalunion war damals ein Skandal, das galt als verr\u00fcckt \u2013, bzw. hat gek\u00fcndigt und sich zur\u00fcckgezogen. Er ist schwer krank geworden, und hat dann im Alter noch Medizin studiert, um sich selbst heilen zu k\u00f6nnen. Den Rest seines Lebens hat er als Arzt gearbeitet. Ich habe diesen Mann kennengelernt, und stundenlang seiner Geschichte gelauscht. Er war sehr verbittert, dass er damals mit seinen Konzepten auf \u00fcberhaupt kein Echo gesto\u00dfen ist. Mittlerweile ist er meines Wissens tot. In einem letzten Gespr\u00e4ch, das wir zusammen hatten, hat er zu mir gesagt, er m\u00f6chte auf seinem Grabstein ein Zitat von Keynes stehen haben. Ich fragte ihn welches, und er sagte : \u201eAls ich am dringendsten gebraucht wurde, war ich vergessen\u201c. Ich habe Ideen von Keynes, Ideen von Professor Sch\u00f6pf <\/span>13<\/sup><\/a><\/span><\/span>, so hat er gehei\u00dfen, und ein bisserl Fantasie zusammengemischt, so hat sich diese Figur zusammengestellt. Ich halte diese Figur, obwohl sie nur als Grab in dem Roman vorkommt, f\u00fcr sehr sehr wichtig.<\/p>\n\n\n\n Heute ist die Diskussion wieder aufgelebt. Das hei\u00dft : Wir diskutieren heute wieder, wenn auch noch nicht mit der Zustimmung der Mehrheit, aber immerhin, wir diskutieren \u00fcber Deficit-Spending, \u00fcber bedingungsloses Grundeinkommen, \u00fcber die Konsequenzen der gro\u00dfen Transformationen der Arbeits-Produktions-Verh\u00e4ltnisse. Diese Diskussion ist ja wieder da. Und wo sie nicht gef\u00fchrt wird, das ist komischerweise an der Spitze unseres Zukunftsprojektes, n\u00e4mlich der EU.<\/p>\n\n\n\n Sie k\u00f6nnen mit dem Diskutieren beginnen. Es wird weder in den Think Tanks der europ\u00e4ischen Kommission diskutiert, noch h\u00f6rt man von den Repr\u00e4sentanten, sei es Juncker oder Tusk \u2013 Tusk ist \u00fcberhaupt der Burgherr der Nationalinteressen \u2013 irgendetwas, was in diese Richtung ginge. Das ist ein Desaster f\u00fcr unser System. Und deswegen ist es auch so falsch, zu sagen, die europ\u00e4ische Union sei ein Elitenprojekt, weil in Wirklichkeit die produktiven Diskussionen zwei-drei Ebenen darunter stattfinden. Bei sehr vielen Initiativen, die wirklich Grassroot-Initiativen sind, passiert etwas \u00c4hnliches. Es gibt an vielen Stellen in Europa Klubs von ehemaligen Erasmus-Studenten. Oft wurde ich dorthin eingeladen, und sie sagten mir immer : Uns braucht man Europa nicht erkl\u00e4ren, aber wir wollen es auch nicht verlieren.<\/p>\n\n\n\n Kramp-Karrenbauer, Sebastian Kurz : Diese Politikergeneration ist die Avantgarde der Wiederkehr der Dinosaurier.<\/p>\n\n\n\n \u00bbKramp-Karrenbauer, Sebastian Kurz : Diese Politikergeneration ist die Avantgarde der Wiederkehr der Dinosaurier.\u00ab <\/p>Robert MEnasse<\/cite><\/blockquote><\/figure>\n\n\n\n Ja. Kurz geh\u00f6rt zur Erasmus-Generation. Ich hatte immer erwartet, dass eben diese Erasmus-Generation politische Verantwortung \u00fcbernimmt, an die politischen Hebel kommt. Kurz, Sebastian Kurz, war der erste, der eindeutig aus dieser Generation kam. Nur : Er ist wahrscheinlich der einzige, der nie Erasmus gemacht hat.<\/p>\n\n\n\n Sogar als Sch\u00fcler ! Er hat deswegen nie Erasmus gemacht, weil er Angst gehabt hat, dass, wenn er ein Jahr auf eine andere Universit\u00e4t geht, ein anderer Obmann der Jungen Volkspartei ist, wenn er zur\u00fcckkommt ! Er hat nie woanders studiert, und er hat das Studium zuhause nicht fertig gemacht <\/span>15<\/sup><\/a><\/span><\/span>.<\/p>\n\n\n\n Kurz ist das glatte Gesicht des Anscheins von mehrheitsf\u00e4higer Politik. Ich glaube – ich kann es ja nicht beweisen, aber ich glaube – dass Kurz in der Fr\u00fche immer die Meinungsumfragen liest. Wie ist die Stimmung ? Wenn die Meinungsumfragen sagen, dass die \u00d6sterreicher bereit sind, den Fl\u00fcchtlingen zu helfen, dann sagt er : Das ist so sch\u00f6n, dass ihr so hilfsbereit seid, wir m\u00fcssen versuchen, sie zu integrieren. Wenn aber die Stimmung umschl\u00e4gt, sagt er sofort : Alle m\u00fcssen deportiert werden, alle m\u00fcssen raus, alle m\u00fcssen zur\u00fcckgef\u00fchrt werden. Die Institutionen, wo Fl\u00fcchtlinge ankommen und registriert werden, wurden in \u00d6sterreich umbenannt, sie hei\u00dfen jetzt Ausreiselager <\/span>16<\/sup><\/a><\/span><\/span>. Sie kommen dann gleich nach ihrer Ankunft in ein Ausreiselager ! Was f\u00fcr ein Zynismus ! Und die Leute in den Bierzelten jubeln, wenn sie das h\u00f6ren, das ist die ganze Politik.<\/p>\n\n\n\n Vorgestern hat er auf Macrons Essay geantwortet<\/a>. Was mich so erz\u00fcrnte, war, dass er in seiner Antwort geschrieben hat, die EU sei tr\u00e4ge geworden, sie funktioniere nicht, und Kramp-Karrenbauer habe deswegen recht gehabt, als sie Macrons Vorschl\u00e4ge zur\u00fcckwies<\/a>. Gleichzeitig stellt er sich auch als Pro-Europ\u00e4er dar : \u201eIch bin ja so pro-europ\u00e4isch, aber es funktioniert halt nicht\u201c Das ist unfassbar ! Wenn man jetzt wei\u00df, dass er, bevor er Kanzler war, schon Au\u00dfenminister war, und dass er als Au\u00dfenminister schon Sitz und Stimme bei den Au\u00dfenministertreffen des Europ\u00e4ischen Rates hatte\u2026 Damals hat er immer ein Veto eingelegt, gegen alles. Wurde \u00fcber eine europ\u00e4ische Migrationspolitik diskutiert – das braucht man nicht, Veto. Braucht Europa eine gemeinsame au\u00dfenpolitische Position ? Veto, nein ! Er hat immer ein Veto eingelegt. Und dieser Mann sagt, dass das System nicht funktioniere ? Es funktioniert nicht zuletzt seinetwegen nicht.<\/p>\n\n\n\n Gleichzeitig glauben sie aber, dass sie die Mehrheitsinteressen vertr\u00e4ten. Damit machen sie den Nationalismus stark. Deswegen nenne ich sie schlafwandelnde Dinosaurier. Kramp-Karrenbauer oder auch Sebastian Kurz \u00e4hneln in diesem Zusammenhang Orb\u00e1n oder Kaczynski oder Salvini. Sie sind die Avantgarde der Wiederkehr der Dinosaurier ! Und das ist besorgniserregend. Sie wissen es nicht, aber sie tun es : Sie produzieren k\u00fcnftige Misere.<\/p>\n\n\n\n Mir war klar, dass ich in irgendeiner Form, auf irgendeine Weise diese Vielsprachigkeit abbilden musste, und nat\u00fcrlich auf eine Weise, dass derjenige, der nur eine Sprache kann, das doch lesen kann. Es sind im Grunde Signale, die dem Leser ein Gef\u00fchl davon geben sollen, wie es in diesem Br\u00fcssel so zugeht. Der Anspruch, dass ein politisches Konstrukt eine einzige Sprache haben muss, ist ja der Anspruch der Nationalisten, und das ist ja relativ jung, das ist 19. Jahrhundert.<\/p>\n\n\n\nIhr Buch scheint von Anspielungen auf Musils Mann ohne Eigenschaften<\/em><\/strong> <\/span>1<\/sup><\/a><\/span><\/span> durchzogen. Dabei vergleichen Sie das heutige Europa mit einem politischen Konstrukt, der \u00d6sterreichisch-Ungarischen Monarchie, das in Musils Werk bereits zum Untergang verdammt ist. Ist das auch einigerma\u00dfen Ironie ?<\/strong><\/h3>\n\n\n\n
Sie nennen es aber doch Jubil\u00e4um\u2026<\/strong><\/h3>\n\n\n\n
Es mag an das erinnern, was anl\u00e4sslich Ihrer Rede im Europ\u00e4ischen Parlament <\/span>2<\/sup><\/a><\/span><\/span>, vor jetzt anderthalb Jahren geschah. Sie hatten in den ersten Minuten Ihrer Redezeit mit Ihrer Erinnerung an die Grundprinzipien und die Entstehungsgeschichte, auf denen das europ\u00e4ische Einigungsprojekt fu\u00dft, Applaus geerntet. Sie nahmen sich vor, konkrete politische Konsequenzen zu ziehen. \u201eWelchen Sinn sollte eine \u00fcbernationale Volksvertretung haben, wenn nicht diesen : Perspektivisch die nationalen Parlamente abzul\u00f6sen ?\u201c, fragten Sie, und legten daraufhin eine kurze Pause ein. Das Publikum, unter dem sich viele [europ\u00e4ische] Abgeordnete befanden, schwieg. Ein paar Sekunden lang gab es \u00fcberhaupt keine Reaktion. Dann betonten Sie, dass diese Idee auch Applaus verdiene, worauf der Applaus schlie\u00dflich kam. Vorher wurde zwar dem anti-nationalistischen Ursprung des europ\u00e4ischen Projekts Beifall gespendet, aber in diesem zweiten Moment hat er gefehlt. Wie verstehen Sie das ? Was haben Sie da gef\u00fchlt ?<\/strong><\/h3>\n\n\n\n
In ihrem Werk bef\u00fcrworten Sie den Sprung in eine neue europ\u00e4ische Dimension des Politischen. Zugleich beklagen Sie, dass die Institutionen der EU, dass die nationalen Machtverh\u00e4ltnisse das aktuell nicht zulassen. Es scheint \u00fcbrigens klar, dass dieser Sprung fast nirgendwo mehrheitsf\u00e4hig und demokratisch erreichbar w\u00e4re. Wie wollen Sie das konkret machen ? Woher soll der Impuls kommen ?<\/h3>\n\n\n\n
Das hei\u00dft, die Rolle des Technokratischen, des B\u00fcrokratischen, der Elite in einem gewissen Sinne ist in Ihrer Auffassung von Europa nicht verzichtbar\u2026<\/h3>\n\n\n\n
Es gab auch f\u00fcr die Abschaffung der Todesstrafe in Frankreich gar keine Mehrheit <\/span>5<\/sup><\/a><\/span><\/span>…<\/h3>\n\n\n\n
Aber glauben Sie nicht, dass eben das f\u00fcr viele Westeurop\u00e4er, nicht zuletzt f\u00fcr Franzosen, schwer zu begreifen ist ? Deutschland und \u00d6sterreich haben eine gewisse Erfahrung mit Koalitionen, kennen auch aus ihrer Geschichte das Gefahrenpotential der Volksabstimmungen <\/span>6<\/sup><\/a><\/span><\/span>, und das ist nicht \u00fcberall der Fall. Die geschichtliche Entwicklung Frankreichs hat den Prinzipien, die Sie mit der plebiszit\u00e4ren Demokratie identifizieren, einen hohen Stellenwert einger\u00e4umt.<\/h3>\n\n\n\n
Nach Jersey\u2026<\/strong><\/h3>\n\n\n\n
Oft wird der Mangel an einer positiven Erz\u00e4hlung von Europa bedauert. Nationalisten machen mit dem, was sie ihre nationalen Romane nennen, sehr viel einfacher Stimmung. Mit Ihrem Buch schlagen Sie zwar eine Erz\u00e4hlung vor, aber sie gr\u00fcndet auf dem absolut negativen historischen Ereignis, der Schoah <\/span>9<\/sup><\/a><\/span><\/span>. Sehen Sie trotzdem die M\u00f6glichkeit einer solchen positiven Erz\u00e4hlung ? Oder denken Sie im Gegenteil, dass ein supranationales Europa einer solchen positiven Erz\u00e4hlung entbehren sollte, wenn es die Nationen \u00fcbertreffen will ?<\/strong><\/h3>\n\n\n\n
Stichwort Globalisierung : Sie erz\u00e4hlen in Ihrem Roman von einem belgischen \u00d6konomen namens Armand Moens, von dem man im Nachhinein entdeckt, dass er nicht existiert hat, der aber trotzdem eine sehr glaubw\u00fcrdige Erscheinung ist. Wie sind Sie auf die Idee gekommen, diesen Charakter zu erfinden ? Was k\u00f6nnen Sie uns \u00fcber ihn erz\u00e4hlen ? Wer ist er ?<\/h3>\n\n\n\n
Und sie erscheint auch als extrem wichtig in der Art und Weise, wie sie die Sachthemen einf\u00fchrt, die Ihnen am Wichtigsten sind.<\/strong><\/h3>\n\n\n\n
Die aber nicht unbedingt die Kompetenzen hat, nicht alle.<\/strong><\/h3>\n\n\n\n
In Der Hauptstadt<\/em> \u00e4u\u00dfern Sie besondere Kritik an der deutschen Bundeskanzlerin und dem \u00f6sterreichischen Bundeskanzler [Sebastian Kurz, A. d. R.]. Die Europ\u00e4ische Volkspartei befindet sich gerade im Wandel. Wie sehen Sie die aktuellen Entwicklungen um Manfred Weber und die neuen \u00f6ffentlichen Erkl\u00e4rungen Annegrets Kramp-Karrenbauer ?<\/strong><\/h3>\n\n\n\n
Aber Kurz geh\u00f6rt zur Erasmus-Generation… <\/span>14<\/sup><\/a><\/span><\/span><\/h3>\n\n\n\n
Der war schon mit 20 Jahren in der Politik\u2026<\/h3>\n\n\n\n
Ein anderes charakteristisches Merkmal Ihres europ\u00e4ischen Romans ist der Gebrauch, den Sie von anderen Sprachen machen. Sie zitieren auf Englisch – also Euro-English -, aber auch auf Niederl\u00e4ndisch, Franz\u00f6sisch, Griechisch, Polnisch, oft un\u00fcbersetzt. Was bedeutet f\u00fcr Sie diese Mehrsprachigkeit ? Was ist f\u00fcr Sie die Sprache Europas ?<\/h3>\n\n\n\n
Die Idee einer Einheitssprache, die man mindestens als Lingua Franca verwendet, wurde aber auch immer wieder von Internationalisten vertreten : Nehmen Sie zum Beispiel Esperanto. Europa wird heute sprachlich vom Englischen dominiert, das ist eben kein neutrales Idiom. Sowie fr\u00fcher in \u00d6sterreich-Ungarn Deutsch als Einheits- und Verwaltungssprache fungierte.<\/h3>\n\n\n\n