{"id":495,"date":"2024-09-12T08:07:00","date_gmt":"2024-09-12T08:07:00","guid":{"rendered":"https:\/\/legrandcontinent.eu\/dee\/2024\/09\/12\/der-draghi-bericht-die-kraft-fuer-reformen\/"},"modified":"2025-02-19T11:16:40","modified_gmt":"2025-02-19T11:16:40","slug":"der-draghi-bericht-die-kraft-fuer-reformen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/legrandcontinent.eu\/de\/2024\/09\/12\/der-draghi-bericht-die-kraft-fuer-reformen\/","title":{"rendered":"Der Draghi-Bericht:\u00a0 Die Kraft f\u00fcr Reformen"},"content":{"rendered":"\n

Dieser Text ist auch in den anderen Sprachen des Grand Continent (franz\u00f6sisch, italienisch, spanisch) sowie in englischer Fassung auf der Website der Groupe d\u2019\u00e9tudes g\u00e9opolitiques verf\u00fcgbar<\/a><\/em><\/p>\n\n\n\n

Seit Beginn dieses Jahrhunderts sorgt sich Europa sich um ein verlangsamtes Wachstum. Obgleich Strategien zur Erh\u00f6hung der Wachstumsraten kamen und gingen, bleibt die Entwicklung unver\u00e4ndert. <\/p>\n\n\n\n

Verschiedene volkswirtschaftliche Indikatoren zeigen denselben Trend: eine gro\u00dfe Kluft hat sich zwischen dem BIP der EU und dem der USA aufgetan, die in erster Linie auf eine deutliche Verlangsamung des Produktivit\u00e4tswachstums in Europa zur\u00fcckzuf\u00fchren ist. Die europ\u00e4ischen Haushalte zahlen den Preis daf\u00fcr in Form von Einbu\u00dfen beim Lebensstandard. Seit 2000 ist das real verf\u00fcgbare Pro-Kopf-Einkommen in den USA fast doppelt so stark gestiegen wie in der EU.<\/p>\n\n\n\n

Lange Zeit wurde die Verlangsamung des Wachstums als l\u00e4stig, jedoch nicht als Bedrohung empfunden. EU-Exporteure haben es geschafft, Marktanteile in schneller wachsenden Weltregionen, insbesondere in Asien, zu erlangen. Die steigende Frauenerwerbst\u00e4tigkeit hat den Beitrag der Arbeitnehmer:innen zum Wachstum erh\u00f6ht. Nach den Krisen von 2008 bis 2012 ist die Arbeitslosigkeit in ganz Europa stetig gesunken. Dies hat dazu beigetragen, Ungleichheiten zu verringern und die Sozialschutzquoten zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n

Erstmals in ihrer j\u00fcngeren Geschichte beginnt f\u00fcr die EU eine Phase, in der das Wachstum nicht durch steigende Bev\u00f6lkerungszahlen unterst\u00fctzt wird. <\/p>Mario Draghi<\/cite><\/blockquote><\/figure>\n\n\n\n

Daneben profitierte die EU auch von einem g\u00fcnstigen globalen Umfeld. Durch multilaterale Regeln florierte der Welthandel. Unter dem Sicherheitsschirm der USA konnten Verteidigungsmittel f\u00fcr andere Priorit\u00e4ten verwendet werden. In einer Welt stabiler politischer Verh\u00e4ltnisse hatten wir keinen Grund, uns \u00fcber zunehmende Abh\u00e4ngigkeiten von L\u00e4ndern Sorgen zu machen, von denen wir annahmen, dass sie unsere Partner bleiben w\u00fcrden.<\/p>\n\n\n\n

Doch das Fundament, auf dem wir gebaut haben, wird nun ersch\u00fcttert. <\/p>\n\n\n\n

Das bis hierher geltende globale Paradigma l\u00f6st sich auf. Es sieht so aus, als sei die \u00c4ra des raschen Wachstums des Welthandels vorbei. EU-Unternehmen sehen sich mit zunehmender Konkurrenz aus dem Ausland konfrontiert und haben weniger Zugang zu ausl\u00e4ndischen M\u00e4rkten. Mit Russland hat Europa abrupt seinen wichtigsten Energielieferanten verloren. W\u00e4hrenddessen schwindet die geopolitische Stabilit\u00e4t und unsere Abh\u00e4ngigkeiten sind zu Vulnerabilit\u00e4ten geworden.<\/p>\n\n\n\n

Der technologische Wandel beschleunigt sich rasant. Europa hat die vom Internet ausgel\u00f6ste digitale Revolution und damit einhergehende Produktionsgewinne weitgehend verpasst. In der Tat erkl\u00e4rt sich die Produktivit\u00e4tsl\u00fccke zwischen der EU und den USA prim\u00e4r durch den Tech-Sektor. Die EU schw\u00e4chelt in den aufstrebenden Technologien, die zuk\u00fcnftiges Wachstum antreiben werden. Nur vier der weltweit f\u00fchrenden Tech-Unternehmen haben ihren Sitz in Europa.<\/p>\n\n\n\n

Doch Europas Bedarf an Wachstum steigt. <\/p>\n\n\n\n

F\u00fcr die EU beginnt nun die erste Phase in ihrer j\u00fcngeren Geschichte, in der das Wachstum nicht durch steigende Bev\u00f6lkerungszahlen unterst\u00fctzt wird. Bis 2040 wird die Zahl der Erwerbst\u00e4tigen j\u00e4hrlich voraussichtlich um fast 2 Millionen sinken. Wir werden st\u00e4rker auf Produktivit\u00e4t setzen m\u00fcssen, um das Wachstum anzukurbeln. Wenn die EU ihre durchschnittliche Produktivit\u00e4tswachstumsrate seit 2015 beibeh\u00e4lt, w\u00fcrde dies lediglich ausreichen, um das BIP bis 2050 konstant zu halten – und das zu einer Zeit, in der einer Reihe von neuen Investitionen bevorstehen, die durch h\u00f6heres Wachstum finanziert werden m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n

Die Digitalisierung und Dekarbonisierung der Wirtschaft sowie der Ausbau unserer Verteidigungskapazit\u00e4ten erfordern einen Anstieg der Investitionsquote in Europa um etwa 5 Prozentpunkte des BIP. Das entspricht einem Niveau, das zuletzt in den 1960er und 70er Jahren erreicht wurde. Das ist ein nie dagewesenes Ausma\u00df. Zum Vergleich: Die zus\u00e4tzlichen Investitionen im Rahmen des Marshall-Plans beliefen sich zwischen 1948 und 51 auf j\u00e4hrlich etwa 1-2 % des BIP.<\/p>\n\n\n\n

Europa h\u00e4ngt in einer starren Industriestruktur fest.<\/p>Mario Draghi<\/cite><\/blockquote><\/figure>\n\n\n\n

Wenn Europa nicht produktiver werden kann, m\u00fcssen wir in Zukunft entscheiden. Wir werden nicht in der Lage sein, gleichzeitig f\u00fchrend bei neuen Technologien, ein Vorreiter in Sachen Klimaverantwortung und ein unabh\u00e4ngiger Akteur auf der Weltb\u00fchne zu sein. Wir werden nicht mehr in der Lage sein, unser Sozialmodell zu finanzieren. Wir werden einige, wenn nicht alle unsere Ambitionen zur\u00fcckschrauben m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n

Das ist eine existenzielle Herausforderung.<\/p>\n\n\n\n

Europas Grundwerte sind Wohlstand, Gleichheit, Freiheit, Frieden und Demokratie in einer nachhaltigen Umwelt. Die EU existiert, um sicherzustellen, dass Europ\u00e4er:innen immer von diesen Grundrechten profitieren k\u00f6nnen. Wenn Europa sie nicht l\u00e4nger garantieren kann \u2013 oder sie gegeneinander abw\u00e4gen muss \u2013, verliert es seine Existenzberechtigung.<\/p>\n\n\n\n

Der einzige Weg, dieser Herausforderung zu begegnen, ist zu wachsen und produktiver zu werden, unter Wahrung unserer Werte von Gleichheit und sozialer Inklusion. Und produktiver werden kann Europa nur, wenn es sich radikal \u00e4ndert. <\/p>\n\n\n\n

Drei Handlungsfelder, um das Wachstum wieder anzukurbeln<\/strong><\/h2>\n\n\n\n

Der Bericht nennt drei zentrale Handlungsfelder zur F\u00f6rderung eines nachhaltigen Wachstums. In keinem dieser Bereiche starten wir von Null. Die EU hat nach wie vor viele starke Aspekte \u2013 zum Beispiel leistungsf\u00e4hige Bildungs- und Gesundheitssysteme und stabile Sozialstaaten \u2013 , auf denen wir aufbauen k\u00f6nnen. Doch wir scheitern kollektiv daran, diese St\u00e4rken in produktive und konkurrenzf\u00e4hige Industrien auf der Weltb\u00fchne zu \u00fcbersetzen. <\/p>\n\n\n\n