{"id":344,"date":"2021-09-09T15:53:33","date_gmt":"2021-09-09T15:53:33","guid":{"rendered":"https:\/\/legrandcontinent.eu\/dee\/2021\/09\/09\/bundestagswahl-europaeische-wahl-norbert-lammert-martin-schulz-und-ellen-ueberschaer-ueber-die-naechste-bundesregierung-und-die-zukunft-europas\/"},"modified":"2025-02-19T11:27:24","modified_gmt":"2025-02-19T11:27:24","slug":"bundestagswahl-europaeische-wahl-norbert-lammert-martin-schulz-und-ellen-ueberschaer-ueber-die-naechste-bundesregierung-und-die-zukunft-europas","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/legrandcontinent.eu\/de\/2021\/09\/09\/bundestagswahl-europaeische-wahl-norbert-lammert-martin-schulz-und-ellen-ueberschaer-ueber-die-naechste-bundesregierung-und-die-zukunft-europas\/","title":{"rendered":"Bundestagswahl, Europ\u00e4ische Wahl: Norbert Lammert, Martin Schulz und Ellen Uebersch\u00e4r \u00fcber die n\u00e4chste Bundesregierung und die Zukunft Europas"},"content":{"rendered":"\n
Am 26. September 2021 findet die Wahl zum 20. Deutschen Bundestag statt. In diesem Rahmen haben wir uns an die Vorsitzenden der politischen Stiftungen in Deutschland gewandt, von denen drei sich bereit erkl\u00e4rten, unsere Fragen zu den europapolitischen Auswirkungen der Bundestagswahl zu beantworten. Nachfolgend finden Sie also die Perspektiven von Prof. Dr. Norbert Lammert, dem Vorsitzenden der CDU-nahen Konrad-Adenauer Stiftung, Martin Schulz, dem Vorsitzenden der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung sowie von Dr. Ellen Uebersch\u00e4r, der Co-Vorsitzenden der Heinrich-B\u00f6ll-Stiftung, der parteinahen Stiftung von B\u00fcndnis 90\/Die Gr\u00fcnen <\/span>1<\/sup><\/a><\/span><\/span>.<\/p>\n\n\n\n Mit Zukunftsprognosen tue ich mir grunds\u00e4tzlich schwer \u2014 niemand kann verl\u00e4sslich vorhersagen, was morgen passiert \u2014 schon gar nicht in einer Europ\u00e4ischen Union, in der jede substantielle Ver\u00e4nderung von der einm\u00fctigen Zustimmung aller Mitgliedsstaaten abh\u00e4ngt. Gleichzeitig gilt es nat\u00fcrlich, sich auf absehbare Herausforderungen zumindest einzustellen und zu \u00fcberlegen, wie man diese mit Blick auf die eigenen F\u00e4higkeiten und die zur Verf\u00fcgung stehenden M\u00f6glichkeiten meistern kann. <\/p>\n\n\n\n Die EU vereint nach wie vor eine beachtliche wirtschaftliche Macht; unsere liberalen, demokratischen Gesellschaften strahlen in weiten Teilen der Welt immer noch eine starke Attraktivit\u00e4t aus. Aber unser gesellschaftliches, politisches und wirtschaftliches Modell hat Konkurrenz bekommen. Allen voran China geriert sich als vermeintlicher Beleg daf\u00fcr, dass wirtschaftlicher Wohlstand und Demokratie nicht zwangsl\u00e4ufig Hand in Hand gehen m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n Diese internationale Konkurrenzsituation wird uns in den 2020er Jahren besch\u00e4ftigen und die EU muss sich dabei behaupten. Angesichts tiefgreifender globaler Herausforderungen muss sie ihre Gestaltungsf\u00e4higkeit nach au\u00dfen und zugleich ihren Nutzen nach innen beweisen. Deshalb m\u00fcssen vor allem die gew\u00e4hlten Repr\u00e4sentanten ihren B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrgern immer wieder verdeutlichen, warum die EU im 21. Jahrhundert gebraucht wird. Das ist weniger banal, als es auf den ersten Blick scheint. Denn wir haben es schon seit geraumer Zeit mit dem bemerkenswerten Paradoxon zu tun, dass viele Menschen den Glauben an den Wert der konstruktiven internationalen Zusammenarbeit verloren zu haben scheinen, obgleich wir vor globalen Herausforderungen nicht nur im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie und ihren Folgen, sondern auch im Hinblick auf den Klimawandel, die Digitalisierung und vielen anderen Entwicklungen stehen, die eines gemeinsam haben: Sie machen vor nationalen Grenzen nicht Halt und kein Nationalstaat kann sie erfolgversprechend im Alleingang bew\u00e4ltigen. Vor diesem Hintergrund sollte eigentlich die EU als besonders geeignete Form der Probleml\u00f6sung aufbl\u00fchen. Tats\u00e4chlich geht die Bereitschaft zu gemeinsamen L\u00f6sungen \u00fcberall in Europa eher zur\u00fcck \u2013 ausgerechnet in einer Zeit, in der deren Notwendigkeit objektiv gewachsen ist. <\/p>\n\n\n\n [W]ir haben es schon seit geraumer Zeit mit dem bemerkenswerten Paradoxon zu tun, dass viele Menschen den Glauben an den Wert der konstruktiven internationalen Zusammenarbeit verloren zu haben scheinen, obgleich wir vor globalen Herausforderungen stehen.<\/p>Norbert Lammert<\/cite><\/blockquote><\/figure>\n\n\n\n Darauf m\u00fcssen sich die Reformbem\u00fchungen der EU ausrichten \u2014 es muss ihr gelingen, auf die wichtigen Fragen unserer Zeit gemeinsame europ\u00e4ische Antworten zu geben. Das geht vielleicht leichter mit der Konzentration auf einige besonders zentrale Fragestellungen. <\/p>\n\n\n\n Ein wichtiger Aspekt muss dabei die gemeinsame europ\u00e4ische Au\u00dfen- und Sicherheitspolitik sein. Um die Handlungsf\u00e4higkeit der EU in diesem Politikbereich zu verbessern, sollte sie bis 2030 gemeinsame europ\u00e4ische Streitkr\u00e4fte im Rahmen der St\u00e4ndigen Strukturierten Zusammenarbeit (SSZ) aufbauen, Europol ausbauen sowie geheimdienstliche Zusammenarbeit und die gemeinsame Cyberabwehr vertiefen \u2013 um nur einige Vorhaben anzusprechen.<\/p>\n\n\n\n\n\n In der Corona-Pandemie erwies sich die EU, nach anf\u00e4nglichen Schwierigkeiten, als durchaus handlungsf\u00e4hig, denn sie hat aus ihren Fehlern in der Finanzkrise gelernt. Gleichzeitig wurden aber auch die grunds\u00e4tzlichen strukturellen und politischen Defizite der Union und der dringende strukturelle Reformbedarf sehr deutlich. Reformen m\u00fcssen unter viel st\u00e4rkerer Beteiligung der europ\u00e4ischen B\u00fcrger:innen angegangen werden. Bis 2030 muss die EU souver\u00e4n, handlungsf\u00e4hig und als internationaler Akteur respektiert sein. <\/p>\n\n\n\n Bis 2030 muss die EU souver\u00e4n, handlungsf\u00e4hig und als internationaler Akteur respektiert sein. <\/p>Martin Schulz<\/cite><\/blockquote><\/figure>\n\n\n\n Um den Euroraum weiter zu stabilisieren sollte die W\u00e4hrungsunion vertieft und durch eine politische Basis untermauert werden. Die als Antwort auf die Corona- Pandemie getroffenen Entscheidungen zum Instrument zur Unterst\u00fctzung der Kurzarbeit (SURE), der gemeinsame Schuldenaufnahme, der M\u00f6glichkeit Eigenmittel einzuwerben sowie zur Aussetzung des Austerit\u00e4ts- und Wachstumspakts sind wichtige Schritte hin zu mehr Souver\u00e4nit\u00e4t und vor allem Solidarit\u00e4t in der EU. Es braucht aber noch mehr Reformen und die kommende neue Bundesregierung muss diese vom ersten Tag an verfolgen, da sie im ureigenen Interesse Deutschlands liegen. Der Weg zu einer Fiskalunion, wie ihn der sozialdemokratische Kanzlerkandidat Olaf Scholz fordert, ist daher richtig.<\/p>\n\n\n\n Die Konferenz zur Zukunft Europas ist eine wichtige Initiative und ein Versprechen an die B\u00fcrger_innen. Damit soll schwindendes Vertrauen in das erfolgreiche Friedensprojekt Europa bei den B\u00fcrger_innen zur\u00fcckgewonnen werden. Der versp\u00e4tete Start, nicht allein aufgrund der Pandemie, sondern auch aufgrund der Uneinigkeit von Parlament, Kommission und Rat hinsichtlich der Prozesse und Personen, war kein guter Anfang. Das muss sich nun im Laufe der Konferenz dringend \u00e4ndern und die Vorschl\u00e4ge und Ideen aus den B\u00fcrgerforen m\u00fcssen ernsthaft diskutiert werden. M\u00f6gliche Vertrags\u00e4nderungen d\u00fcrfen dabei unter Wahrung der europ\u00e4ischen Werte Frieden, Freiheit, Solidarit\u00e4t, Demokratie und Menschenrechte nicht grunds\u00e4tzlich ausgeschlossen sein. Der Prozess sollte auch nicht mit der franz\u00f6sischen Ratspr\u00e4sidentschaft enden, denn die EU ist und bleibt work in progress. <\/p>\n\n\n\n Weitere Integrationsschritte und eine st\u00e4rkere Kooperation auf politischer, fiskalischer und wirtschaftlicher Ebene, aber auch im Bereich Au\u00dfen- Sicherheits- und Verteidigungspolitik werden notwendig sein, um den globalen Herausforderungen f\u00fcr Europa begegnen zu k\u00f6nnen. Ein souver\u00e4nes Europa braucht im Kern eine starke EU. Langfristig wird dieser permanente Integrations- und Reformprozess auf eine Art europ\u00e4ischen Bundesstaat hinauslaufen. Dabei wird sich das Verh\u00e4ltnis zwischen Nationalstaaten und EU in einem solchen Verbund im Laufe des Prozesses herausbilden. Die nationale und die europ\u00e4ische Souver\u00e4nit\u00e4t m\u00fcssen sich dabei sinnvoll erg\u00e4nzen, denn nur so k\u00f6nnen wir die gro\u00dfen Herausforderungen im Bereich Klima, Digitalisierung und umfassende Sicherheit nicht meistern.<\/p>\n\n\n\n\n\n Die Europ\u00e4ische Union wird im Jahr 2030 gest\u00e4rkt aus den Krisen der 2020er Jahre hervorgehen. Aus der Konferenz zur Zukunft der EU ist sie mit neuen Impulsen hervorgegangen. Sie manifestiert sich als f\u00f6derale Union, die die demokratischen und sozialen Rechte ihrer B\u00fcrger:innen st\u00e4rkt und garantiert, und sowohl nach innen wie global in aller Konsequenz f\u00fcr Rechtsstaatlichkeit und eine pluralistische Demokratie einsteht \u2014 mithin eine Kernidee und zentrales Gr\u00fcndungsmotiv der Union. Die innere Verfasstheit der Union im Jahr 2030 wird die EU wieder attraktiv f\u00fcr die Europ\u00e4ische Nachbarschaft machen, die europ\u00e4ische Integration ist mit der EU-Erweiterung und Vertiefung weiter fortgeschritten. Das Vereinigte K\u00f6nigreich hat zu diesem Zeitpunkt bereits einen erneuten Antrag auf EU-Mitgliedschaft gestellt. Nicht zuletzt dank der europ\u00e4ischen Medienplattform und dem konsequent umgesetzten europ\u00e4ischen Vereinsrecht ist die EU 2030 europaweit zivilgesellschaftlich fest vernetzt. <\/p>\n\n\n\n Die 20er Jahre werden wegweisend f\u00fcr die Europ\u00e4ische Union sein in der Frage, ob sie sich f\u00fcr die Zukunft als resilient und handlungsf\u00e4hig behaupten kann. Daf\u00fcr ist es zentral, auf die multiplen Krisen unserer Zeit eine gro\u00dfe, zusammenh\u00e4ngende Antwort zu formulieren: Ein kommunal, national und europ\u00e4isch konsequent ausgestalteter und umfassender European Green Deal kann die anstehenden Transformationen strategisch klug aus einem Guss gestalten, soziale Absicherung, \u00f6kologische, wirtschaftliche Erneuerung und digitale Modernisierung miteinander verkn\u00fcpfen, die europ\u00e4ische Nachbarschaft mit spezifischen Angeboten einbeziehen und die EU als eigenst\u00e4ndig handelnde Akteurin auf globaler Ebene wieder wirksam machen. Diese Erwartungen teilten auch die deutschen B\u00fcrger:innen in der im Juni 2021 publizierten Studie der Heinrich-B\u00f6ll-Stiftung \u201eSelbstverst\u00e4ndlich Europ\u00e4isch\u201c, in der zwei Drittel der Befragten eine aktive und kooperative Rolle von der EU erwarteten.<\/p>\n\n\n\n F\u00fcr mehr Resilienz, Glaubw\u00fcrdigkeit und Handlungsf\u00e4higkeit hat die EU bereits viele Instrumente zur Hand. Allen voran steht hier die Ausweitung der Mehrheitsregel, die bereits in der \u00dcberleitungsklausel in den Europ\u00e4ischen Vertr\u00e4gen verankert ist.<\/p>Ellen Uebersch\u00e4r<\/cite><\/blockquote><\/figure>\n\n\n\n F\u00fcr mehr Resilienz, Glaubw\u00fcrdigkeit und Handlungsf\u00e4higkeit hat die EU bereits viele Instrumente zur Hand, die sie (ohne Vertrags\u00e4nderung) nutzen kann. Allen voran steht hier die Ausweitung der Mehrheitsregel, die bereits in der \u00dcberleitungsklausel in den Europ\u00e4ischen Vertr\u00e4gen (Art. 48, Absatz 7, EUV) verankert ist \u2014 sie w\u00fcrde politische Blockaden \u00fcberwinden, der EU Entscheidungsf\u00e4higkeit verleihen und m\u00fcsste zugleich als Voraussetzung die Einbeziehung des Europ\u00e4ischen Parlaments st\u00e4rken. Dar\u00fcber hinaus bietet der 2020 verabschiedete Rechtsstaatsmechanismus die M\u00f6glichkeit, \u00fcber ein europ\u00e4isches Budget unter st\u00e4rkerer parlamentarischer Kontrolle demokratische und rechtsstaatliche Standards konsequent einzufordern. Diesen Mechanismus zu nutzen und wirksam einzusetzen, k\u00f6nnte wegweisend f\u00fcr die zuk\u00fcnftige Zusammenarbeit mit einigen osteurop\u00e4ischen Mitgliedsstaaten sein. <\/p>\n\n\n\n Resilienz bedeutet auch, einen mutigen Schritt in Richtung einer politischen Union in Sachen Fiskal- und Sozialpolitik zu gehen. Bei einer Eurobarometer-Umfrage 2021 geben 9 von 10 Europ\u00e4er:innen an, dass ihnen das soziale Europa pers\u00f6nlich wichtig ist. Auch die Studie \u201eSelbstverst\u00e4ndlich Europ\u00e4isch\u201c zeigt auf, dass die B\u00fcrger:innen eine gro\u00dfe Priorit\u00e4t auf soziale Absicherung in der EU legen – eine Einsch\u00e4tzung, die durch die zunehmende soziale Ungleichheit und wachsende Arbeitslosigkeit seit der Pandemie noch verst\u00e4rkt wird. <\/p>\n\n\n\n Eine Fiskalunion w\u00fcrde der EU die M\u00f6glichkeit einer wirtschaftlich-finanziell abgestimmten Politik geben. Die Covid-19-Pandemie hat verdeutlicht, dass Austerit\u00e4tsideologie als eiserne Spar-Politik nicht funktioniert, wenn es \u2014 grenz\u00fcberschreitend \u2014 in Momenten der Krise existenziell auf resiliente soziale und \u00f6kologische Infrastrukturen sowie Gesundheitssysteme ankommt. Eine Wirtschafts- und Fiskalunion muss gleichzeitig mit der St\u00e4rkung eines sozialen Europas einhergehen \u2014 etwa der St\u00e4rkung sozialer Rechte durch gemeinsame europ\u00e4ische Arbeits- und Sozialstandards, einer europ\u00e4ischen Richtlinie f\u00fcr Grundsicherung und aufeinander abgestimmte Mindestl\u00f6hne in allen EU-Mitgliedsstaaten.<\/p>\n\n\n\nWie stellen Sie sich die EU im Jahr 2030 vor? Wo sehen Sie den gr\u00f6\u00dften Reformbedarf? Welche Vertrags\u00e4nderungen schlagen Sie vor?<\/strong> <\/h3>\n\n\n\n\n\n
\r\n <\/picture>\r\n \n Norbert Lammert (KAS \/ CDU)<\/strong><\/h4>\n\n\n\n
\r\n <\/picture>\r\n \n Martin Schulz (FES \/ SPD)<\/strong><\/h4>\n\n\n\n
\r\n <\/picture>\r\n \n Ellen Uebersch\u00e4r (HBS)<\/h4>\n\n\n\n
Auf welche Partnerschaften (im Europ\u00e4ischen Rat bzw. in den europ\u00e4ischen Parteifamilien) sollte die n\u00e4chste Bundesregierung setzen, um diese europapolitische Vision zu verwirklichen?<\/strong> <\/h3>\n\n\n\n
Norbert Lammert (KAS \/ CDU)<\/strong><\/h4>\n\n\n\n