{"id":1528,"date":"2026-07-30T11:54:38","date_gmt":"2026-07-30T11:54:38","guid":{"rendered":"https:\/\/legrandcontinent.eu\/de\/?p=1528"},"modified":"2026-07-31T11:31:39","modified_gmt":"2026-07-31T11:31:39","slug":"von-jean-monnet-lernen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/legrandcontinent.eu\/de\/2026\/07\/30\/von-jean-monnet-lernen\/","title":{"rendered":"Von Jean Monnet lernen"},"content":{"rendered":"\n

Im Rahmen des von\u00a0<\/em>le Grand Continent\u00a0im Pariser Panth\u00e9on veranstalteten Redenzyklus, zu dessen G\u00e4sten auch\u00a0Peter Sloterdijk<\/a>,\u00a0Lea Ypi<\/a>\u00a0und\u00a0Carlo Ginzburg<\/a>\u00a0z\u00e4hlen, widmet Giuliano da Empoli seine Rede darum Jean Monnet. Er befreit den Architekten der europ\u00e4ischen Einigung vom Mehltau jahrzehntelanger Missverst\u00e4ndnisse. Monnet war aufregend, unkonventionell und bei allem technokratischen Geschick eminent politisch. An gro\u00dfen Staatsm\u00e4nnern bewunderte er vor allem eine Eigenschaft: Gro\u00dfz\u00fcgigkeit. Damit meinte er weniger pers\u00f6nliche G\u00fcte als vielmehr die F\u00e4higkeit, \u00fcber den unmittelbaren nationalen Vorteil hinauszublicken und auf etwas Gr\u00f6\u00dferes hinzuarbeiten, das langfristig allen dient. Wo sind diese im Sinne Monnets gro\u00dfz\u00fcgigen politischen Figuren heute? \u00a0 Giuliano da Empolis Rede zu Monnet ist eine jener Reden, die zu lesen sich lohnt. Mit jeder Lekt\u00fcre erschlie\u00dft sich ein neuer Gedanke. So wie auch Europa sich heute auf einmal mehr neu entfalten muss.<\/em><\/p>\n\n\n\n

Europas Drama besteht darin, dass Jean Monnet langweilig geworden ist. Diese fabelhafte Pers\u00f6nlichkeit, die jahrzehntelang um die Welt reiste, unglaubliche Abenteuer erlebte und unerm\u00fcdlich das verr\u00fcckte Ideal eines geeinten Europas verfolgte, ist zu einer angestaubten Referenz geworden \u2013ein ausgestopfter Gr\u00fcndervater, den man praktischerweise in vorhersehbaren Reden \u00fcber den Zustand der Europ\u00e4ischen Union zitieren kann.<\/p>\n\n\n\n

In der kommenden Stunde m\u00f6chte ich vor allem versuchen, Jean Monnet seinen Wahnsinn zur\u00fcckzugeben, indem ich einige Episoden seines Lebens nachzeichne.<\/p>\n\n\n\n

Anschlie\u00dfend m\u00f6chte ich sein Erbe explorieren und der Frage nachgehen, was das Beispiel Jean Monnet heute noch f\u00fcr uns bedeutet.<\/p>\n\n\n\n

Einer der wenigen positiven Aspekte der d\u00fcsteren Zeit, die wir derzeit erleben, besteht darin, dass wir Geschichte wieder verstehen \u2013 mehr noch: Wir sp\u00fcren sie am eigenen Leib.<\/p>\n\n\n\n

Fr\u00fcher lasen wir die Chroniken der ersten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts und sie erschienen uns fern, als etwas Tragisches, aber \u00dcberwundenes. Wir studierten sie mit einer gewissen Distanz, als betr\u00e4fen uns diese Geschichte nicht unmittelbar. Heute hingegen lesen wir die Berichte jener Zeit durch die Stimmen ihrer Zeitzeugen \u2013 und wir vibrieren mit ihnen, weil ihre Kondition auch die unsere geworden ist.<\/p>\n\n\n\n

Heute verstehen wir, mehr noch, wir empfinden, was Stefan Zweig zu sagen versuchte, als er 1936 schrieb:<\/p>\n\n\n\n

\u201eSelten war die Atmosph\u00e4re der Welt (insbesondere unseres alten Europas) so vergiftet von Misstrauen, Uneinigkeit und Angst. Mit Unruhe nimmt man jeden Morgen die Zeitung zur Hand, mit einem Seufzer der Erleichterung legt man sie nieder, wenn nichts besonders Gef\u00e4hrliches sich ereignet hat. Das Misstrauen gegen die Nachbarn ist heute bei vielen V\u00f6lkern nach und nach zu einer pathologischen Erscheinung geworden; \u00fcberall schlie\u00dfen sich die Grenzen \u00e4ngstlich ab, Tag und Nacht arbeiten in Europa die Fabriken, um nach 20 Jahrhunderten der herrlichsten Leistungen auf allen Gebieten der Kultur die gro\u00dfartigsten und genialsten Instrumente der Zerst\u00f6rung zu schaffen.\u201c<\/p>\n\n\n\n

Diesen Seufzer der Erleichterung, wenn wir am Morgen unser Telefon anstellen und feststellen k\u00f6nnen, dass sich auf der Weltb\u00fchne nichts besonders Gef\u00e4hrliches in der Nacht ereignet hat: heute kennen wir ihn.<\/p>\n\n\n\n

Wenn wir aber gezwungen sind, die dunkelste Seite der Geschichte am eigenen Leib zu erleiden und zu erfahren, dann k\u00f6nnen wir vielleicht auch jene M\u00e4nner und Frauen besser unser Ehre erweisen und verstehen, die sich der Finsternis entgegengestellt haben. All jenen, die nach dem Zweiten Weltkrieg die Grundlagen f\u00fcr eine der l\u00e4ngsten Phasen des Friedens und des Wohlstands in der Geschichte der Menschheit geschaffen haben.<\/p>\n\n\n\n

Das Abenteuer<\/h2>\n\n\n\n

Jean Monnet geh\u00f6rt zu ihnen. Vielleicht ist sein Beispiel unter all diesen Pers\u00f6nlichkeiten sogar das wichtigste. Doch damit es uns inspirieren kann, m\u00fcssen wir ihn zun\u00e4chst von der Staubschicht der Feierlichkeit und Rhetorik befreien, mit der er in den vergangenen Jahrzehnten in Reden \u00fcberzogen worden ist.<\/p>\n\n\n\n

Und daf\u00fcr ist es vielleicht besser, nicht mit seiner zentralen Rolle beim Aufbau Europas oder mit den beinahe unglaublichen Leistungen seines staatsm\u00e4nnischen Wirkens zu beginnen, sondern mit einigen intimen Episoden seines Lebens.<\/p>\n\n\n\n

Ich m\u00f6chte nur drei davon herausgreifen.<\/p>\n\n\n\n

Der erste f\u00fchrt uns zur\u00fcck ins Jahr 1906. Jean Monnet ist achtzehn Jahre alt. Zwei Jahre zuvor hat er Cognac verlassen und das Studium abgebrochen, um eine Lehre in der Londoner City zu absolvieren. Nun wird er als Vertreter des Weinbrandhandelunternehmens seiner Familie nach Nordamerika geschickt. Zun\u00e4chst landet er in Kanada, anschlie\u00dfend bereist er den amerikanischen Westen. Dort entdeckt er eine grenzenlose Welt, in der Europa bereits fern und beinahe unbedeutend erscheint.<\/p>\n\n\n\n

Eines Tages findet er sich in einer Farm mitten im Nirgendwo. Er sucht einen Hof skandinavischer Siedler, die leidenschaftliche Cognac-Trinker sind, und fragt einen Schmied nach den Transportm\u00f6glichkeiten. Ohne seine Arbeit zu unterbrechen, antwortet der Mann, es gebe schlicht keine. Dann zeigt er auf ein Pferd und schl\u00e4gt ihm vor, es zu nehmen und sp\u00e4ter wieder zur\u00fcckzubringen. Dieses Vertrauen erscheint ihm vollkommen nat\u00fcrlich.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIch war weit entfernt von Cognac und den L\u00e4ndern des geschriebenen Rechts\u201c, schreibt Jean Monnet sp\u00e4ter in seinen Memoiren<\/em>. \u201eIn Amerika gewann ich \u00fcberall den Eindruck, dass dort, wo der Raum unbegrenzt war, auch das Vertrauen keine Grenzen kannte.\u201c<\/p>\n\n\n\n

Monnet begegnet Schwierigkeiten so, wie er es sein ganzes Leben lang tun wird: indem er den Horizont erweitert.<\/p>GIULIANO DA EMPOLI<\/cite><\/blockquote><\/figure>\n\n\n\n

Fast acht Jahre lang bereist er auf diese Weise die Welt \u2013 Nordamerika, Skandinavien, Russland und \u00c4gypten. Zur nahezu g\u00e4nzlich immobilen Stabilit\u00e4t der europ\u00e4ischen Gesellschaft tritt in Monnets Denken die Dynamik einer expandierenden Welt hinzu.<\/p>\n\n\n\n

Die zweite Episode stammt aus seinem Privatleben, ist aber auf ihre Weise ebenso aufschlussreich. Im Juli 1934 verl\u00e4sst Jean Monnet Shanghai, wo er als Investmentbanker arbeitet und Chiang Kai-shek nahesteht, um nach Moskau zu reisen. Dort trifft er Silvia Giannini wieder, der er f\u00fcnf Jahre zuvor begegnet war. Es verliebt sich auf der Stelle. Doch es gibt ein grosses Problem: Silvia ist verheiratet, und eine Scheidung ist im Europa jener Zeit praktisch unm\u00f6glich.<\/p>\n\n\n\n

Monnet begegnet diese Schwierigkeit, wie er es immer tun wird: indem er den Horizont erweitert.<\/p>\n\n\n\n

Das einzige Land, in dem eine Scheidung damals m\u00f6glich ist, ist die Sowjetunion. Also verabreden sich beide in Moskau \u2013 er kommt aus Ostasien, sie aus der Schweiz, wo sie mit ihrem Kind lebt. Innerhalb weniger Tage wird Silvia sowjetische Staatsb\u00fcrgerin, l\u00e4sst sich scheiden und heiratet Monnet. Unmittelbar danach verlassen beide das Land wieder. Monnet wird sp\u00e4ter sagen, dies sei \u201edas sch\u00f6nste Gesch\u00e4ft seines Lebens\u201c gewesen. Ihre Ehe wird f\u00fcnfundvierzig Jahre dauern, bis zu Silvias Tod im Jahr 1979, und f\u00fcr ihn zu einem essenziellen Anker werden.<\/p>\n\n\n\n

Die dritte Episode geh\u00f6rt nicht mehr in den privaten Bereich, macht aber auf spektakul\u00e4re Weise deutlich, welchen Einfluss Monnet besa\u00df. Im Dezember 1940 h\u00e4lt Franklin D. Roosevelt seine ber\u00fchmte Rundfunkansprache, in der er die Vereinigten Staaten als das \u201eArsenal der Demokratie\u201c bezeichnet. Der Ausdruck stammt von Jean Monnet.<\/p>\n\n\n\n

Wenige Monate zuvor war Monnet nach dem Zusammenbruch Frankreichs in Washington eingetroffen und hatte sich bereits als zentraler Gespr\u00e4chspartner innerhalb der amerikanischen Regierung etabliert. In einer Notiz des US-Au\u00dfenministeriums wird er damals als \u201eder Vordenker unserer Verteidigung\u201c bezeichnet.<\/p>\n\n\n\n

In den folgenden beiden Jahren spielt er eine entscheidende Rolle bei der Ausarbeitung des Victory Program<\/em>. Obwohl er selbst kein Techniker ist, setzt er eine Methode durch: den milit\u00e4rischen Bedarf pr\u00e4zise ermitteln, ihn den industriellen Kapazit\u00e4ten gegen\u00fcberstellen, um so die L\u00fccke sichtbar zu machen. Monnet pl\u00e4diert unerm\u00fcdlich f\u00fcr eine Logik des \u00dcberflusses \u2013 besser zehntausend Panzer zu viel als einer zu wenig. So tr\u00e4gt er entscheidend dazu bei, die Roosevelt-Regierung davon zu \u00fcberzeugen, ihre Produktionsziele zu verdoppeln.<\/p>\n\n\n\n

Dieser Prozess m\u00fcndet in Roosevelts Rede im Kongress vom 6. Januar 1942, in welcher gigantische industrielle Produktionsziele angek\u00fcndigt wurden. Weniger als einen Monat nach dem Kriegseintritt haben die Vereinigten Staaten die entscheidende Vollmobilisierung ihrer Industrie eingeleitet. John Maynard Keynes wird sp\u00e4ter sagen, Monnet habe \u201eden Krieg um ein Jahr verk\u00fcrzt\u201c.<\/p>\n\n\n\n

Es gibt etliche solche Episoden aus dem Leben Jean Monnets. Doch schon diese drei vermitteln eine Vorstellung von einer Pers\u00f6nlichkeit und einem Lebensweg, die in jeder Hinsicht au\u00dfergew\u00f6hnlich waren. Getrieben von einem radikalen und zutiefst abenteuerlichen Kosmopolitismus.<\/p>\n\n\n\n

Gem\u00e4\u00df Giorgio Agamben ist das Abenteuer das, wodurch etwas oder jemand erst wirklich entsteht \u2013 das, was eine Identit\u00e4t formt, und einem Namen verleiht: \u201eDas Abenteuer ist das Sein im Augenblick seines Geschehens.\u201c Am Anfang von Chr\u00e9tien de Troyes‘ Perceval ou le Conte du Graal<\/em> hat der Held noch keinen Namen. Erst am Ende erf\u00e4hrt er, dass er Perceval der Waliser hei\u00dft.<\/p>\n\n\n\n

Jean Monnets Leben ist ein Abenteuer. Aber auch sein Werk \u2013 sein Hauptwerk, das Europa, wie wir es heute kennen, ist ein Abenteuer.<\/p>\n\n\n\n

Es geht nicht darum, die europ\u00e4ische Einheit auszurufen, sondern sie notwendig, konkret und nahezu unvermeidlich zu machen.<\/p>GIULIANO DA EMPOLI<\/cite><\/blockquote><\/figure>\n\n\n\n

Wir werden diesen gesamten Weg hier nicht nachzeichnen. Doch auch hier gen\u00fcgen drei Momente \u2013 drei echte Abenteuer \u2013, um zu verstehen, weshalb Jean Monnet heute als einer der V\u00e4ter der Europ\u00e4ischen Union gilt.<\/p>\n\n\n\n

Der erste spielt im Jahr 1914, zu Beginn des Ersten Weltkriegs. Jean Monnet ist sechsundzwanzig Jahre alt. Er bekleidet kein \u00f6ffentliches Amt, vertritt niemanden au\u00dfer sich selbst und kann sich lediglich auf die Erfahrungen st\u00fctzen, die er auf seinen Reisen gesammelt hat. Da er aus gesundheitlichen Gr\u00fcnden nicht zum Milit\u00e4r eingezogen wird, beschlie\u00dft er, seinem Land auf andere Weise zu dienen. F\u00fcr ihn liegt etwas auf der Hand: Es ist absurd, dass Frankreich und Gro\u00dfbritannien, die gemeinsam gegen Deutschland Krieg f\u00fchren, ihre Versorgung mit Rohstoffen getrennt organisieren. Die Idee ist einfach, ihre Umsetzung h\u00f6chst unwahrscheinlich. Und doch gelingt es Monnet mitten in der Schlacht an der Marne, den franz\u00f6sischen Ministerpr\u00e4sidenten Ren\u00e9 Viviani zu treffen und ihn von der Notwendigkeit einer engen Koordinierung zwischen beiden L\u00e4ndern zu \u00fcberzeugen. Er wird nach London entsandt und widmet sich dort bis zum Ende des Krieges, fernab der \u00d6ffentlichkeit, der Organisation und Rationalisierung der alliierten Versorgung. Sein Beitrag ist dennoch nicht minder entscheidend: Er tr\u00e4gt zur materiellen Koh\u00e4renz der alliierten Kriegsanstrengungen bei, ohne die ein Sieg kaum m\u00f6glich gewesen w\u00e4re.<\/p>\n\n\n\n

Die zweite Episode spielt sich im Juni 1940 ab. Die Niederlage Frankreichs scheint unausweichlich. Monnet weigert sich jedoch, die Kapitulation als unabwendbares Schicksal hinzunehmen, und greift eine ebenso k\u00fchne wie verzweifelte Idee auf: die sofortige und vollst\u00e4ndige Union zwischen Frankreich und dem Vereinigten K\u00f6nigreich. In einem Memorandum mit dem Titel Anglo-French Unity<\/em> schl\u00e4gt er vor, beide Staaten zu fusionieren \u2013 mit einer einzigen Regierung, einem einzigen Parlament und einer einzigen Armee.<\/p>\n\n\n\n

Entgegen allen Erwartungen gelingt es ihm, Winston Churchill, dessen Kabinett und General Charles de Gaulle, der sich damals in London befindet, zu \u00fcberzeugen. Am 16. Juni diktiert de Gaulle den Text pers\u00f6nlich telefonisch an den franz\u00f6sischen Ministerpr\u00e4sidenten Paul Reynaud. F\u00fcr einige Stunden erscheint die Vorstellung einer gemeinsamen Souver\u00e4nit\u00e4t, geboren aus der \u00e4u\u00dfersten Notlage, als reale M\u00f6glichkeit. Doch noch am selben Abend wird Reynaud in Frankreich durch Marschall P\u00e9tain ersetzt, der den Weg des Waffenstillstands w\u00e4hlt. Das Projekt zerf\u00e4llt augenblicklich. Dennoch bleibt es ein beeindruckender Pr\u00e4zedenzfall: die Idee, dass europ\u00e4ische Nationen \u2013 wenn die Umst\u00e4nde es erfordern \u2013 bereit sein k\u00f6nnen, sogar ihre politische Souver\u00e4nit\u00e4t zu vereinen, um dem Schicksal gemeinsam zu begegnen.<\/p>\n\n\n\n

Schlie\u00dflich der entscheidende Moment. Im Jahr 1950 schl\u00e4gt Jean Monnet Robert Schuman vor, die Verwaltung von Kohle und Stahl gemeinsam mit Deutschland zu organisieren. Mit dem Vertrag von Paris von 1951, der die Europ\u00e4ische Gemeinschaft f\u00fcr Kohle und Stahl begr\u00fcndet, wird diese Intuition Wirklichkeit. Zum ersten Mal erkl\u00e4ren sich sechs Staaten bereit, einen Teil ihrer Souver\u00e4nit\u00e4t auf eine gemeinsame, unabh\u00e4ngige Beh\u00f6rde zu \u00fcbertragen, die einen Schl\u00fcsselbereich ihrer Wirtschaft verwalten soll. Die Wahl von Kohle und Stahl ist kein Zufall: Es sind genau jene Ressourcen, die die vorangegangenen europ\u00e4ischen Kriege erm\u00f6glicht hatten. Sie einer gemeinsamen Verwaltung zu unterstellen bedeutet, einen neuen Krieg zwischen Frankreich und Deutschland nicht nur politisch undenkbar, sondern materiell unm\u00f6glich zu machen.<\/p>\n\n\n\n

In der Politik ist Langeweile eine \u00fcberaus wirkungsvolle Waffe.<\/p>GIULIANO DA EMPOLI<\/cite><\/blockquote><\/figure>\n\n\n\n

Es ist in diesem Moment, dass Jean Monnet endg\u00fcltig in die Geschichte eintritt. Doch genau hier liegt auch das gro\u00dfe Paradox Jean Monnets und der europ\u00e4ischen Einigung: Ein au\u00dfergew\u00f6hnliches Abenteuer m\u00fcndet in seinem Gegenteil \u2013 in Langeweile. Nicht zuf\u00e4llig, sondern aus strategischem Kalk\u00fcl.<\/p>\n\n\n\n

Nach dem Zweiten Weltkrieg waren viele \u00fcberzeugt, Europa m\u00fcsse geeint werden. Sie hielten gro\u00dfe Reden, ver\u00f6ffentlichten Aufrufe und organisierten Kongresse. Jean Monnet geh\u00f6rte nicht zu ihnen. Als Churchill 1948 in Den Haag die Idee der Vereinigten Staaten von Europa lancieren wollte, blieb Monnet der Veranstaltung fern. Ihm ging es nicht darum, die europ\u00e4ische Einheit zu verk\u00fcnden. Er wollte sie notwendig, konkret und beinahe unvermeidlich machen, indem er sie in gemeinsamen materiellen Interessen verankerte.<\/p>\n\n\n\n

Ich glaube, genau darin liegt Jean Monnets eigentliches Geni. Die europ\u00e4ische Langeweile ist nicht das Ergebnis eines Zufalls, sondern eines pr\u00e4zisen und klugen politischen Projekts. Nach dem Zweiten Weltkrieg erkennt Monnet, dass die europ\u00e4ische Einigung zugleich unverzichtbar und unm\u00f6glich ist. Unverzichtbar, weil nur sie verhindern kann, dass sich die Geschichte der Bruderkriege endlos wiederholt. Unm\u00f6glich, weil die Bev\u00f6lkerungen \u2013 trotz allem \u2013 sie nicht wollen. Selbst in den Jahren nach dem zweiten Weltkrieg z\u00e4hlte die Europ\u00e4ische F\u00f6deralistische Bewegung nie mehr als 250.000 Mitglieder.<\/p>\n\n\n\n

Deshalb entscheidet sich Monnet f\u00fcr einen anderen Weg: den der technischen Abkommen. Zun\u00e4chst \u00fcber Kohle und Stahl, dann \u00fcber immer weitere Politikfelder. Schritt f\u00fcr Schritt entsteht so ein immer dichteres Netz gemeinsamer Regeln und Interessen, das die Europ\u00e4ische Union zu einer vollendeten Tatsache macht \u2013 zu einem technokratischen Gebilde mit einer eigenen, nahezu unerbittlichen inneren Logik.<\/p>\n\n\n\n

In der Politik ist Langeweile eine m\u00e4chtige Waffe. Gelingt es, ein Thema so langweilig zu machen, dass sich niemand mehr daf\u00fcr interessiert, dann kann man nahezu machen was man will. Der amerikanische Schriftsteller David Foster Wallace beschreibt in Der bleiche K\u00f6nig<\/em>, wie die Republikaner in den Vereinigten Staaten eine Gesellschaft zweier Geschwindigkeiten schufen: eine Steuerpolitik, die den Reichtum der einen grenzenlos wachsen lie\u00df und zugleich die Ungleichheit versch\u00e4rfte. Er schreibt:<\/p>\n\n\n\n

\u201eDer eigentliche Grund, warum die amerikanischen B\u00fcrger diese Konflikte, diese Ver\u00e4nderungen und das, was dabei auf dem Spiel steht, weder wahrgenommen haben noch heute wahrnehmen, ist, dass Steuerpolitik und Steuerverwaltung langweilig sind. \u00dcberw\u00e4ltigend, spektakul\u00e4r langweilig \u2026\u201c<\/p>\n\n\n\n

So werden Langeweile und Apathie zu politischen Instrumenten.<\/p>\n\n\n\n

So verhielt es sich auch mit dem Europa der Beamten \u2013 zumindest bis Maastricht und in gewisser Weise bis heute. Daf\u00fcr muss man vor den Architekten der europ\u00e4ischen Integration den Hut zeiehen: Es ist ihnen gelungen, eines der aufregendsten politischen Epen der Geschichte hinter einer endlosen Folge von Vorschriften \u00fcber die Farbe von Rettungswesten und den Durchmesser von Pizzen zu verbergen.<\/p>\n\n\n\n

Den R\u00e4ubern entgegentreten<\/h2>\n\n\n\n

Die Europ\u00e4ische Union ist ohne Zweifel das sch\u00f6nste politische Projekt des vergangenen Jahrhunderts: der erste Versuch der Geschichte, in Friedenszeiten, ohne Waffen und ohne Drohungen, allein auf der Grundlage der freiwilligen Zustimmung der V\u00f6lker einen supranationalen politischen Raum zu schaffen. Kaum ein anderes politisches Projekt ist so fantastisch. Und doch wurde Europa in den vergangenen siebzig Jahren nicht durch gro\u00dfe Reden erbaut. Es entstand durch ein immer dichteres Geflecht von Regeln, das unseren Kontinent schrittweise immer enger miteinander verflochten hat.<\/p>\n\n\n\n

Diese Strategie war erfolgreicher, als selbst die k\u00fchnsten Optimisten erhofft hatten.<\/p>\n\n\n\n

Heute besteht das Problem darin, dass die Missachtung von Regeln, ein bisschen \u00fcberall auf der Welt, der schnellste Weg geworden ist, um Macht zu erringen \u2013 und sie zu behalten. \u201eAls Erstes t\u00f6ten wir alle Anw\u00e4lte\u201c, hei\u00dft es bei Shakespeare. Genauer gesagt sagt dies Dick der Schl\u00e4chter in Heinrich VI.<\/em>, als er \u00fcberlegt, mit was als erstes zu tun w\u00e4re im Moment des Aufstands.<\/p>\n\n\n\n

Heute ist genau das das Programm all jener Raubtiere, die jede Begrenzung ihrer Macht beseitigen wollen: nationalpopulistische F\u00fchrer, hemmungslose Autokraten und die neuen Oligarchen des Silicon Valley.<\/p>\n\n\n\n

In diesem Kontext erinnern die Europ\u00e4er, die sich dar\u00fcber emp\u00f6ren und ihre Gegner als Ignoranten oder Barbaren beschimpfen, an jenen persischen K\u00f6nig, von dem Herodot berichtete, dass er seine Soldaten die Wellen auspeitschen liess, weil das Meer seine Pl\u00e4ne vereitelt hatte.<\/p>\n\n\n\n

Es n\u00fctzt nichts, die Raubtiere anzuprangern, die uns umgeben und ihren Erfolg auf der Missachtung von Regeln gr\u00fcnden. Wir m\u00fcssen verstehen, worin die Anziehungskraft ihres Modells besteht.<\/p>\n\n\n\n

In Gesellschaften wie den unseren hat ein wachsender Teil der B\u00fcrger \u2013 zu Recht oder zu Unrecht \u2013 den Eindruck, das System sei blockiert, die Probleme blieben immer dieselben und es spiele keine Rolle, wen man w\u00e4hle. In diesem Kontext betreten die Raubtiere die B\u00fchne und versprechen eine Art Wunder.<\/p>\n\n\n\n

In der Theologie bezeichnet das Wunder den unmittelbaren Eingriff Gottes, der die gew\u00f6hnlichen Gesetze der Existenz au\u00dfer Kraft setzt, um etwas Au\u00dfergew\u00f6hnliches auf unserem Planeten zu bewirken. Genau derselben Logik folgen Trump und andere nationalpopulistische F\u00fchrer: Sie brechen Regeln \u2013 und h\u00e4ufig auch Gesetze \u2013, um zu behaupten, sie k\u00f6nnten die Probleme der W\u00e4hler endlich l\u00f6sen.<\/p>\n\n\n\n

Der heutige Moment verlangt von den Europ\u00e4ern die F\u00e4higkeit, sich neu zu erfinden \u2013 nicht nur, sich zu verteidigen. Gerade deshalb brauchen wir Jean Monnet heute wieder. Was h\u00e4tte er an unserer Stelle getan?<\/p>GIULIANO DA EMPOLI<\/cite><\/blockquote><\/figure>\n\n\n\n

Angesichts einer solchen Offensive wirkt die Antwort derjenigen, die sich darauf beschr\u00e4nken, auf die Einhaltung von Regeln und Verfahren zu pochen, leicht kraftlos. Nicht, weil sie unrecht h\u00e4tten. Es liegt auf der Hand, dass es ohne die Achtung von Regeln und Verfahren weder Demokratie noch Rechtsstaatlichkeit und erst recht nicht die europ\u00e4ische Einigung in ihrer bisherigen Form geben kann. Alle, die sich f\u00fcr den Schutz der Demokratie oder die Verteidigung Europas einsetzen, haben daher recht.<\/p>\n\n\n\n

Doch dabei darf es nicht bleiben. Denn wir laufen Gefahr, auf eine grundlegende Herausforderung lediglich mit formalen Antworten zu reagieren. Die B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger erwarten, dass ihre Probleme gel\u00f6st werden \u2013 nicht nur, dass Verfahren eingehalten werden.<\/p>\n\n\n\n

Populistische Politiker konzentrieren sich auf den Inhalt \u2013 oder tun so. Sie versprechen, die wirklichen Probleme der Menschen zu l\u00f6sen: Kriminalit\u00e4t, Migration, steigende Lebenshaltungskosten. Wenn Liberale, Progressive, \u00fcberzeugte Demokratinnen und Demokraten sowie Proeurop\u00e4er sich ausschlie\u00dflich hinter der Verteidigung von Formen und Institutionen verschanzen, die von einem immer gr\u00f6\u00dferen Teil der W\u00e4hlerschaft als wirkungslos empfunden werden, werden sie auf Dauer hinweggefegt werden.<\/p>\n\n\n\n

Die gegenw\u00e4rtige Lage verlangt von den Europ\u00e4ern die F\u00e4higkeit, sich neu zu erfinden \u2013 nicht nur, sich zu verteidigen.<\/p>\n\n\n\n

Deshalb brauchen wir heute mehr denn je Jean Monnet. Was h\u00e4tte er an unserer Stelle getan?<\/p>\n\n\n\n

Das ist keine rhetorische Frage. Ich glaube, Monnet selbst h\u00e4tte sie gesch\u00e4tzt, denn er war ein zutiefst zukunftsorientierter Mensch; ihn interessierte allein das Morgen. Aus diesem Grund wollte er seine Memoiren urspr\u00fcnglich gar nicht ver\u00f6ffentlichen \u2013 was ein unermesslicher Verlust gewesen w\u00e4re. \u201eKann man sich Memoiren vorstellen, die von der Zukunft handeln?\u201c, soll er den Historiker Jean-Baptiste Duroselle gefragt haben.<\/p>\n\n\n\n

Gerade weil die Frage ernst gemeint ist, d\u00fcrfen wir sie nicht mit einem Klischee beantworten: \u201eWenn ich noch einmal anfangen m\u00fcsste, w\u00fcrde ich mit der Kultur beginnen.\u201c Zum einen hat Monnet diesen Satz in dieser Form nie gesagt. Zum anderen ist er falsch. Monnets Strategie war die richtige. H\u00e4tte er mit der Kultur begonnen, w\u00e4re er niemals dort angekommen, wo er schlie\u00dflich hingelangte.<\/p>\n\n\n\n

Die eigentliche Lehre Jean Monnets ist komplexer. Seine Methode beruht auf drei wesentlichen Elementen.<\/p>\n\n\n\n

Zun\u00e4chst auf einer au\u00dferordentlich klaren und zugleich ungemein ehrgeizigen Vision, die all sein Handeln bestimmt. Andr\u00e9 Bazin sagte einmal, schlechte Regisseure h\u00e4tten \u00fcberhaupt keine Ideen, gute h\u00e4tten viele, gro\u00dfe hingegen nur eine einzige. Jean Monnet hatte eine gro\u00dfe Idee: die Einigung der V\u00f6lker \u2013 und insbesondere der europ\u00e4ischen V\u00f6lker.<\/p>\n\n\n\n

Monnet ist der pragmatischste Mensch der Welt. Doch was seinen Pragmatismus antreibt, ist eines der edelsten Ideale \u00fcberhaupt: die Vereinigten Staaten von Europa.<\/p>\n\n\n\n

Der zweite Pfeiler seiner Methode ist eine beinahe prophetische F\u00e4higkeit, selbst in der verzweifeltsten Lage genau den Hebel zu erkennen, an dem angesetzt werden muss, um eine positive Dynamik auszul\u00f6sen.<\/p>\n\n\n\n

Daf\u00fcr braucht es technisches Wissen \u2013 ein Wissen, das Monnet vor allem dank des au\u00dfergew\u00f6hnlichen Kreises von Mitarbeitern besa\u00df, den er sein Leben lang um sich scharte. Seine Mitarbeiter verehrten ihn. Er gab ihnen das berauschende Gef\u00fchl, im Zentrum des Geschehens zu stehen und selbst Geschichte zu schreiben.<\/p>\n\n\n\n

Im Laufe der vergangenen Jahrzehnte ist \u201cder Proeurop\u00e4er\u201d zu einem Menschen der Vorsicht geworden \u2013 nicht des Aufbruchs. Seine Gegner konnten dadurch den Wandel f\u00fcr sich reklamieren, obwohl sie in Wahrheit nur eine verh\u00e4ngnisvolle R\u00fcckkehr in die Vergangenheit anbieten.<\/p>GIULIANO DA EMPOLI<\/cite><\/blockquote><\/figure>\n\n\n\n

Monnet war kein Technokrat. Aber er begann stets mit einem konkreten, technischen Hebel, von dem er wusste: Wenn es gelingt, ihn in Bewegung zu setzen, wird sich alles Weitere daraus ergeben. Anfang der f\u00fcnfziger Jahre waren Kohle und Stahl dieser Hebel \u2013 der Funke, der eine Kettenreaktion ausl\u00f6ste, die bis heute nachwirkt.<\/p>\n\n\n\n

Der dritte Punkt: Jean Monnet machte sich selbst die H\u00e4nde schmutzig. Er begn\u00fcgte sich nicht mit einer gro\u00dfen Vision und einer pr\u00e4zisen technischen L\u00f6sung. Mit seiner ganzen Energie, seiner taktischen Intelligenz und seinem weltweiten Netzwerk setzte er alles daran, seine Ideen Wirklichkeit werden zu lassen. Und er h\u00f6rte erst auf, wenn er sein Ziel erreicht hatte \u2013 oder zumindest jeden denkbaren Weg dorthin ausgesch\u00f6pft hatte.<\/p>\n\n\n\n

Die Geschichte der beiden Jahre zwischen der Vorstellung des Schuman-Plans und der Ratifizierung des Vertrags \u00fcber die Europ\u00e4ische Gemeinschaft f\u00fcr Kohle und Stahl sollte Pflichtlekt\u00fcre f\u00fcr jeden Studenten der Public Policy sein. Man begegnet dort einem Jean Monnet, der \u2013 wie man in Italien sagt \u2013 sogar zwei leere St\u00fchle miteinander vers\u00f6hnen k\u00f6nnte. Seine diplomatischen F\u00e4higkeiten und seine Kunst, sich st\u00e4ndig den Umst\u00e4nden anzupassen, ohne jemals sein Ziel aus den Augen zu verlieren, sind bemerkenswert. Um im Bild des gro\u00dfen Regisseurs zu bleiben: Er \u00e4hnelt Federico Fellini, der das Drehbuch seiner bedeutendsten Filme noch w\u00e4hrend der Dreharbeiten fortlaufend umschrieb.<\/p>\n\n\n\n

Gerade diese einzigartige Verbindung aus Vision, technischer Kompetenz und Umsetzungskraft macht Jean Monnet zu einer wahrhaft au\u00dfergew\u00f6hnlichen Pers\u00f6nlichkeit.<\/p>\n\n\n\n

Alexandre Koj\u00e8ve soll gesagt haben, dass historisch nur jene Denker z\u00e4hlen, deren Ideen in Institutionen Gestalt annehmen. Jean Monnet war einer von ihnen. Er pflegte zu sagen, er habe niemals ein Amt bekleidet, das er nicht zuvor selbst geschaffen habe.<\/p>\n\n\n\n

Wenn wir Jean Monnets Lehre auf unsere Gegenwart anwenden wollen, m\u00fcssen wir daher gleichzeitig an drei Fronten arbeiten: an der Vision, am Hebel und an der Umsetzung.<\/p>\n\n\n\n

Beginnen wir mit der Vision. Die Herausforderung, die von den Raubtieren ausgeht \u2013 wenn wir bereit sind, sie aus einer konstruktiven Perspektive zu betrachten, was zwar schwierig, aber notwendig ist, wenn wir sie wirklich bek\u00e4mpfen und nicht nur ihre Existenz beklagen wollen \u2013, besteht darin, den Horizont des M\u00f6glichen zu erweitern. Darin liegt letztlich Trumps ganze Faszination.<\/p>\n\n\n\n

\u201eIhr sagt, das ist unm\u00f6glich? Dann werde ich euch beweisen, dass es m\u00f6glich ist \u2013 indem ich es einfach tue.\u201c<\/p>\n\n\n\n

Nat\u00fcrlich scheitern viele ihrer vermeintlichen Wunder. Und selbstverst\u00e4ndlich erweitern Putin, Trump und ihresgleichen aus unserer Sicht vor allem den Spielraum des Schlimmsten.<\/p>\n\n\n\n

Dennoch m\u00fcssen wir diese Ausweitung des M\u00f6glichen ernst nehmen. Wenn all ihre Grenz\u00fcberschreitungen m\u00f6glich sind, dann muss es auch den Europ\u00e4ern m\u00f6glich sein, ambitionierter zu werden.<\/p>\n\n\n\n

Es liegt allein an uns, die epische Dimension der europ\u00e4ischen Einigung wiederzuentdecken.<\/p>GIULIANO DA EMPOLI<\/cite><\/blockquote><\/figure>\n\n\n\n

Ich glaube nicht, dass es Zufall ist, dass heute selbst Europ\u00e4er, die bislang als Inbegriff des Pragmatismus galten, immer h\u00e4ufiger und mit wachsender Entschlossenheit von den Vereinigten Staaten von Europa sprechen. An diesem Punkt unserer Geschichte ist offensichtlich, dass wir vor einer Entscheidung stehen: Entweder machen wir kehrt, oder wir \u00fcberschreiten eine Schwelle und schlagen entschlossen den Weg jenes zugleich idealistischen und pragmatischen F\u00f6deralismus ein, auf den Mario Draghi seit Langem hinweist.<\/p>\n\n\n\n

Im Laufe der vergangenen Jahrzehnte ist der Proeurop\u00e4er zu einem Menschen der Vorsicht geworden \u2013 nicht des Aufbruchs. Dadurch konnten seine Gegner den Anspruch auf den Wandel f\u00fcr sich reklamieren, obwohl sie in Wahrheit lediglich eine verh\u00e4ngnisvolle R\u00fcckkehr in die Vergangenheit anbieten. Die Vereinigten Staaten von Europa bleiben aus meiner Sicht die einzige Antwort, die der Gr\u00f6\u00dfe der heutigen Herausforderungen gerecht wird \u2013 die einzige Revolution, die, wie Jean Monnet schrieb, \u201eeine neue Entfaltung unserer Zivilisation und eine neue Renaissance erm\u00f6glichen will\u201c.<\/p>\n\n\n\n

Heute kann jeder von uns sich hinters Steuer setzten und dreitausend Kilometer bis nach Tallinn fahren, ohne auch nur eine einzige Grenze zu \u00fcberqueren oder die W\u00e4hrung wechseln zu m\u00fcssen. Betrachtet man die europ\u00e4ische Geschichte, grenzt das an ein Wunder. Es liegt nun an uns, die epische Dimension der europ\u00e4ischen Einigung wiederzuentdecken.<\/p>\n\n\n\n

Gewiss ist diese Position eine der Minderheit. Doch im neuen Informations\u00f6kosystem sind es die Extreme, welche Energie erzeugen. Wir haben es mit der extremen Rechten gesehen: Aus einer kleinen Minderheit heraus ist es ihr gelungen, das politische Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnis so in dem neuen Kontext zu agieren. Deshalb brauchen wir eine Minderheit von Aktivisten, die den Traum der Vereinigten Staaten von Europa lebendig h\u00e4lt.<\/p>\n\n\n\n

Das wird Zeit brauchen. Wir werden Schritt f\u00fcr Schritt vorankommen, durch Koalitionen der Willigen \u2013 so, wie Europa sich schon bisher entwickelt hat. Doch diesen Horizont d\u00fcrfen wir niemals aus den Augen verlieren.<\/p>\n\n\n\n

Die Kohle und der Stahl unserer Zeit sind das Digitale und die K\u00fcnstliche Intelligenz. Sie m\u00fcssen zum Kern der Neuerfindung Europas werden.<\/p>GIULIANO DA EMPOLI<\/cite><\/blockquote><\/figure>\n\n\n\n

Zweitens: Gut zielen, um den richtigen Hebel zu finden von dem alles Weitere sich f\u00fcgen wird. Anfang der f\u00fcnfziger Jahre setzte Monnet bei Kohle und Stahl an, weil sie der Nerv der damaligen Machtpolitik waren. Heute liegt das \u00c4quivalent auf der Hand: das Digitale \u2013 und mehr noch die K\u00fcnstliche Intelligenz.<\/p>\n\n\n\n

Einer der einflussreichsten und zugleich beunruhigendsten Soziopathen des Silicon Valley, Marc Andreessen, ver\u00f6ffentlichte vor f\u00fcnfzehn Jahren sein Manifest Software Is Eating the World<\/em>. Seine These lautete, dass die digitale Welt nach und nach s\u00e4mtliche Bereiche der Wirtschaft und schlie\u00dflich des menschlichen Lebens durchdringen werde. F\u00fcnfzehn Jahre sp\u00e4ter kann jeder beobachten, dass dieser Prozess fast abgeschlossen ist. Software beginnt inzwischen sogar die letzten Bastionen staatlicher Souver\u00e4nit\u00e4t zu verschlingen: die Kriegsf\u00fchrung, die Kontrolle des Territoriums und das Gewaltmonopol.<\/p>\n\n\n\n

Die Kohle und der Stahl unserer Zeit sind das Digitale und die K\u00fcnstliche Intelligenz. Die entscheidende Frage lautet daher, wie wir sie ins Zentrum einer europ\u00e4ischen Neuerfindung stellen k\u00f6nnen. W\u00e4re Monnet heute unter uns, w\u00fcrde er vermutlich nicht versuchen, auf allen Feldern direkt mit den Gro\u00dfm\u00e4chten zu konkurrieren. Er w\u00fcrde vielmehr nach einem strategischen Hebel suchen und dort organisierte gegenseitige Abh\u00e4ngigkeiten schaffen.<\/p>\n\n\n\n

Wir haben hier nicht die Zeit, auf die Einzelheiten einzugehen. Doch an Initiativen und Vorschl\u00e4gen mangelt es nicht. Entscheidend ist, aus ihnen jenen Hebel zu identifizieren, der \u2013 wie einst der Schuman-Plan \u2013 eine neue Kettenreaktion ausl\u00f6sen kann.<\/p>\n\n\n\n

Hat man einmal diesen Faden gefunden, muss man entschlossen an ihm ziehen. Damit sind wir beim dritten Element der Monnet-Methode: der Umsetzung \u2013 dem Aufbau eines Mechanismus und der geduldigen Schaffung jenes politischen Konsenses, der eine Vision Wirklichkeit werden l\u00e4sst. Genau hier sto\u00dfen wir heute auf den sprichw\u00f6rtlichen Elefanten im Raum.<\/p>\n\n\n\n

Zu Monnets Zeit waren die Vereinigten Staaten der wichtigste F\u00f6rderer und Katalysator der europ\u00e4ischen Integration. Wenn wir heute den Europatag am 9. Mai begehen \u2013 dem Tag der Verk\u00fcndung des von Monnet entworfenen Schuman-Plans \u2013 dann weil Robert Schuman zwei Tage sp\u00e4ter, am 11. Mai, nach London zur Konferenz der Au\u00dfenminister der Alliierten reisen musste. Der amerikanische Au\u00dfenminister Dean Acheson hatte ihn aufgefordert, dort einen Plan f\u00fcr die k\u00fcnftigen Beziehungen zwischen Frankreich und Deutschland vorzulegen.<\/p>\n\n\n\n

Man k\u00f6nnte sogar sagen: Selbst der Europatag ist die Geburt einer amerikanischen Deadline.<\/p>\n\n\n\n

Heute ist dieser amerikanische Unterst\u00fctzer nicht nur verschwunden. Unsere einstigen Verb\u00fcndeten haben sich gegen uns gewandt und lehnen jede Form europ\u00e4ischer Integration ab \u2013 eine Haltung, die sie mit den anderen geopolitischen Raubtieren teilen.<\/p>\n\n\n\n

Gleichzeitig gibt es heute etwas, das Monnet nicht zur Verf\u00fcgung stand: den Keim einer europ\u00e4ischen \u00d6ffentlichkeit \u2013 hervorgegangen gerade aus jener Integrationsstrategie, die den Kontinent nach und nach zusammengef\u00fchrt hat. W\u00e4hrend Monnet nach dem Krieg mangels jeglicher \u00f6ffentlichen Unterst\u00fctzung und angesichts ersch\u00f6pfter und tief gespaltenen Gesellschaften gezwungen war, beinahe im Verborgenen zu handeln, verf\u00fcgen wir heute \u00fcber ein Fundament gemeinsamer Erwartungen. Trotz aller Unterschiede und Fragmentierungen nimmt eine europ\u00e4ische \u00d6ffentlichkeit Gestalt an \u2013 ein Befund, den die Eurobazooka<\/em>-Umfragen von Le Grand Continent<\/em> eindrucksvoll best\u00e4tigen. Sie zeigen nicht nur ein wachsendes Gef\u00fchl der Zugeh\u00f6rigkeit zur Europ\u00e4ischen Union im Verlauf der aufeinanderfolgenden Krisen, sondern vor allem einen starken Wunsch nach gemeinsamem Handeln in Schl\u00fcsselbereichen wie Verteidigung und Technologie.<\/p>\n\n\n\n

Es gibt also eine Nachfrage nach Europa, die das heutige politische Angebot \u00fcbersteigt. Wo Monnet den \u00f6ffentlichen Meinungen vorausgehen musste, k\u00f6nnen wir uns heute zumindest teilweise auf sie st\u00fctzen. Was wir brauchen, sind politische Unternehmer, die diese Chance zu nutzen wissen.<\/p>\n\n\n\n

Heute haben wir nicht die Zeit, darauf zu warten, dass ein neuer Jean Monnet erscheint und uns den Weg weist. So viel l\u00e4sst sich immerhin sagen: Am Horizont zeichnet sich keiner ab. Vielleicht k\u00f6nnen wir uns stattdessen ein anderes Ziel setzen \u2013 die Entstehung eines kollektiven Monnet.<\/strong><\/p>\n\n\n\n

Die Feinde Europas wollen ewig leben. Aber man fragt sich, warum eigentlich \u2013 denn sie vermitteln nicht einen einzigen Augenblick lang den Eindruck, das Leben genie\u00dfen zu k\u00f6nnen.<\/p>GIULIANO DA EMPOLI<\/cite><\/blockquote><\/figure>\n\n\n\n

Das ist der Wunsch \u2013 und zugleich die Einladung \u2013, die ich Ihnen mit auf den Weg geben m\u00f6chte: Versuchen wir gemeinsam, ein kollektiver Jean Monnet zu werden.<\/p>\n\n\n\n

Die Aufgabe mag gewaltig erscheinen. Doch Jean Monnets Geschichte handelt nicht nur von Mut, Weitsicht und Beharrlichkeit.<\/p>\n\n\n\n

Sie erz\u00e4hlt auch von einer anderen, stilleren und heiteren Seite, mit der ich schlie\u00dfen m\u00f6chte.<\/p>\n\n\n\n

Jean Monnet war ein Mensch, der zu leben verstand. Ich habe Ihnen von seiner gro\u00dfen Liebe erz\u00e4hlt. Ich h\u00e4tte Ihnen ebenso von seinem Sinn f\u00fcr Freundschaft und seiner G\u00fcte berichten k\u00f6nnen. Chiang Kai-shek sagte einmal \u00fcber ihn, er h\u00e4tte ein gro\u00dfer General werden k\u00f6nnen \u2013 wenn er nicht so freundlich zu seinen Mitarbeitern gewesen w\u00e4re.<\/p>\n\n\n\n

In seinen Memoiren erinnert sich Paul-Henri Spaak an die hervorragenden Speisen, die auf Jean Monnets Tisch serviert wurden. 1942, als Monnet in Algier eine entscheidende Rolle spielte, lebte er au\u00dferhalb der Stadt inmitten prachtvoller r\u00f6mischer Ruinen, umgeben vom Duft wilden Thymians, durchflutet vom klaren mediterranen Licht und einer F\u00fclle von Blumen und V\u00f6geln.<\/p>\n\n\n\n

Bei seiner R\u00fcckkehr nach Frankreich lie\u00df er sich in dem charmanten Reetdachhaus von Houjarray am Rand des Waldes von Rambouillet nieder, wo er den Rest seines Lebens verbrachte. Heute werden seine Archive auf der Ferme de Dorigny bei Lausanne aufbewahrt \u2013 ebenfalls an einem au\u00dfergew\u00f6hnlich sch\u00f6nen Ort.<\/p>\n\n\n\n

Das mag nebens\u00e4chlich erscheinen. Es ist es nicht.<\/p>\n\n\n\n

Die Feinde Europas sind nicht so. Sie suchen nicht nach Sch\u00f6nheit, weil sie gar nicht wissen, was Sch\u00f6nheit ist. Sie geben gewaltige Summen aus, um sich mit H\u00e4sslichkeit zu umgeben. Man muss sich nur Trumps Immobilien, Putins Pal\u00e4ste oder die Bunker der Tech-Oligarchen ansehen. Sie wollen ewig leben \u2013 und doch fragt man sich, warum eigentlich, denn nicht einen Augenblick lang vermitteln sie den Eindruck, das Leben genie\u00dfen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n

Unsere Aufgabe besteht heute darin, eine europ\u00e4ische Lebenskunst neu zu erfinden, die den Herausforderungen unserer Zeit gewachsen ist. Das mag bescheiden klingen. Tats\u00e4chlich aber ist es die entscheidende Aufgabe.<\/p>GIULIANO DA EMPOLI<\/cite><\/blockquote><\/figure>\n\n\n\n

Wenn Europa heute an Einfluss verloren hat, bleibt es doch der Ort, an dem die meisten Menschen der Welt leben m\u00f6chten \u2013 selbst viele seiner sch\u00e4rfsten Gegner. Eine j\u00fcngst unter jungen Menschen mit universit\u00e4rer Bildung durchgef\u00fchrte Umfrage f\u00fchrt sechs europ\u00e4ische L\u00e4nder unter den zehn beliebtesten Lebensorten der Welt. Die Vereinigten Staaten, einst unangefochten auf Platz eins, geh\u00f6ren heute nicht einmal mehr zu den ersten Zehn.<\/p>\n\n\n\n

Im Lauf der Geschichte war die Kunst zu leben stets das wirksamste Gegengift gegen jede Form des Totalitarismus. Denn das totalit\u00e4re Streben \u2013 ob religi\u00f6s oder technologisch \u2013 zielt darauf, die Zeit zu beherrschen und menschliches Verhalten zu standardisieren. Sein Traum ist ein Mensch, der zur Maschine geworden ist: berechenbar, gleichf\u00f6rmig und vollkommen durchschaubar.<\/p>\n\n\n\n

Lebensqualit\u00e4t bedeutet das Gegenteil. Sie steht f\u00fcr Freiheit, Genuss, Launenhaftigkeit und sogar f\u00fcr den Luxus der verschwendeten Zeit \u2013 f\u00fcr all das, was jeden Menschen einzigartig macht. Genau diese Qualit\u00e4ten m\u00fcssen wir in der neuen Welt des Digitalen und der K\u00fcnstlichen Intelligenz bewahren und entfalten.<\/p>\n\n\n\n

Unsere Aufgabe besteht heute darin, eine europ\u00e4ische Lebenskunst neu zu erfinden, die den Herausforderungen unserer Zeit gewachsen ist. Sie mag bescheiden erscheinen \u2013 und ist doch die wichtigste von allen.<\/p>\n\n\n\n

Das wird uns nur gelingen, wenn wir uns von Jean Monnets vornehmsten Eigenschaften inspirieren lassen: seinem Mut, seiner Offenheit, seiner strategischen Intelligenz und seiner Beharrlichkeit. Vor allem aber werden wir seine Lebensfreude brauchen, seinen Sinn f\u00fcr Freundschaft und seine Freude am Leben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"

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