{"id":1503,"date":"2026-03-18T15:09:14","date_gmt":"2026-03-18T15:09:14","guid":{"rendered":"https:\/\/legrandcontinent.eu\/de\/?p=1503"},"modified":"2026-03-18T15:11:01","modified_gmt":"2026-03-18T15:11:01","slug":"alexander-karp-karola-brede","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/legrandcontinent.eu\/de\/2026\/03\/18\/alexander-karp-karola-brede\/","title":{"rendered":"War der Palantir-Gr\u00fcnder Alexander Karp wirklich ein Sch\u00fcler von J\u00fcrgen Habermas? Ein Gespr\u00e4ch mit seiner Dissertationsgutachterin Karola Brede"},"content":{"rendered":"\n
Michael Steinberger beschreibt Alexander Karp in seinem Buch Der Unsichtbare<\/em> <\/span>1<\/sup><\/a><\/span><\/span> in teilweise schrillen T\u00f6nen als aus der Welt gefallen, exzentrisch, eine Seite, die mir fremd ist. Wahrscheinlich fallen einem Amerikaner, wie dem Autor, Dinge auf, die ich damals gar nicht bemerkt habe.\u00a0<\/p>\n\n\n\n F\u00fcr mich war Alexander Karp einfach nur ein junger Wissenschaftler, der in der deutschen Academia Fu\u00df zu fassen suchte. <\/p>\n\n\n\n Habermas hatte mich angerufen<\/a>, um mich zu fragen, ob ich mit Alexander einmal sprechen w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n Er kam \u2013 soweit ich mich erinnere, mit Rucksack \u2013 in meine Sprechstunde. Er verhielt sich klug, legte mir sein durchaus eindrucksvolles curriculum vitae vor, aus dem ich seine Bildungsabschl\u00fcsse, aber auch seine j\u00fcdische Herkunft entnehmen konnte und wohl auch sollte. Im \u00dcbrigen schien Alexander wie aus dem Nichts, ohne Kontakte, ohne F\u00fcrsprache zu kommen. Da war nichts Exaltiertes, Nonkonformistisches.<\/p>\n\n\n\n Noch w\u00e4hrend der Sprechstunde habe ich ihm eine Tutorenstelle vorschlagen k\u00f6nnen und ihm nahegelegt, eine Arbeitsgruppe im Freud-Institut zu besuchen, was er dann auch gemacht hat. <\/p>\n\n\n\n Dar\u00fcber kann ich nur spekulieren. Ich bin mir ziemlich sicher, dass er in dem Bewusstsein gekommen war, j\u00fcdischer Herkunft zu sein. Aus seinen Erz\u00e4hlungen konnte ich eine gro\u00dfe Sensibilit\u00e4t f\u00fcr bestimmte Zusammenh\u00e4nge in dieser Hinsicht entnehmen. Dies hat er dann in seinem circa f\u00fcnfj\u00e4hrigen Aufenthalt in Deutschland umgesetzt, ausdifferenziert und weiterentwickelt \u2013 zun\u00e4chst ohne Deutschkenntnisse. <\/p>\n\n\n\n Wenn man seine Dissertation \u00fcber Aggression in der Lebenswelt unter diesem Gesichtspunkt liest, k\u00f6nnte man sagen, dass sie so etwas wie ein Spiegelbild seiner Entwicklung in diesen f\u00fcnf Jahren darstellt. In die Endphase der Dissertation und seiner Zeit in Frankfurt fiel dann die Interpretation der Walser-Rede <\/span>2<\/sup><\/a><\/span><\/span> von 1998. Da wird alles zusammengef\u00fchrt, was er sich vorher erarbeitet hatte.\u00a0<\/p>\n\n\n\n Wir haben beispielsweise 1994 und 1995 in meinem Fachbereich der Frankfurter Universit\u00e4t an der Planung eines sozialwissenschaftlichen Graduiertenkollegs teilgenommen und einen Schwerpunkt \u00fcber Autoritarismus vorbereitet. <\/p>\n\n\n\n Diese Arbeit war auch f\u00fcr ihn spannend. Da ging es bereits soziologisch und psychoanalytisch um Macht und Aggressionsverarbeitung. Warum er daran interessiert war, kann man wieder nur vermuten. Es muss etwas mit der Frage zu tun gehabt haben, wie die Deutschen die Aggression in den vielen Gewalttaten an den Juden w\u00e4hrend des NS, im Krieg bzw. in zwei Kriegen, die sie f\u00fchrten und verloren, umsetzten. Es war klar, dass die Frage nach den Deutschen als Aggressor nicht allein psychologisch, sondern nur umfassender anzugehen war.<\/p>\n\n\n\n Aggression ist beides, psychisches und behaviorales Geschehen. \u00dcber die Ausbildung von K\u00f6nnen nimmt sie auf die \u00e4u\u00dfere Welt sowohl gestaltenden als auch zerst\u00f6rerischen Einfluss. In jener Vorbereitungsgruppe stand aber der Einfluss von Integrationstheoretikern im Vordergrund, die die enorme Bedeutung der Aggression kleinreden oder leugnen. Dagegen wollte Alexander angehen.<\/p>\n\n\n\n F\u00fcr mich war Alexander Karp einfach nur ein junger Wissenschaftler, der in der deutschen Academia Fu\u00df zu fassen suchte.\u00a0\u00a0<\/p>Karola Brede<\/cite><\/blockquote><\/figure>\n\n\n\n Das w\u00fcrde ich sagen, ja. Aber er brachte das Interesse hieran bereits aus den USA mit, m\u00f6chte ich vermuten.<\/p>\n\n\n\n Zum einen ist er relativ bald in der J\u00fcdischen Gemeinde Mitglied geworden. In diesem Kreis ist intern die Frage diskutiert worden, was eigentlich in Deutschland w\u00e4hrend dem Nationalsozialismus passiert ist. Zu diesem Thema hatte er mich einmal darauf hingewiesen, dass ich vorsichtig sein solle, da dies sehr viel komplizierter sei, als ich es mir vorstellen k\u00f6nnte. Heute w\u00fcrde ich sagen, er gewann \u00fcber den Kontakt zur J\u00fcdischen Gemeinde eine bestimmte j\u00fcdische Perspektive hinzu, die auch der Dissertation zugute kam. <\/p>\n\n\n\n Zum anderen war da die Arbeit direkt mit mir. Nach der Ver\u00f6ffentlichung von Daniel Goldhagens Buch Hitlers Willige Vollstrecker<\/em> <\/span>3<\/sup><\/a><\/span><\/span> 1996 haben wir zum Beispiel gemeinsam einen Aufsatz in der Psyche<\/em> <\/span>4<\/sup><\/a><\/span><\/span> ver\u00f6ffentlicht. Mit dieser Arbeit nahmen wir Stellung zu dem, was Goldhagen mit seiner 700-Seiten-Dissertation an Kritik und an Aussagen \u00fcber die Deutschen formuliert hat.\u00a0<\/p>\n\n\n\n Uns hatte beeindruckt, dass alle Deutschen von Goldhagen in die Frage von Verbrechen und Schuld einbezogen wurden. Goldhagens Buch hat nat\u00fcrlich auch gro\u00dfe Schw\u00e4chen. Einige Historiker haben sich damals sehr kritisch ge\u00e4u\u00dfert. Aber es ging eine Faszination davon aus, dass Goldhagen allen Deutschen die Bereitwilligkeit zuschrieb, die Juden zu vernichten. <\/p>\n\n\n\n Menschen j\u00fcdischer Herkunft hat diese These tief beeindruckt und auch Alexander interessiert, um nicht zu sagen: angezogen. <\/p>\n\n\n\n Weitere Kontakte hatte Alexander Karp im Freud-Institut durch Arbeitskreise und Forschungsgruppen. Wichtig war f\u00fcr ihn seine Beziehung hin zum philosophischen Seminar und zu Habermas. Dazu wei\u00df ich nicht viel, seine Kontakte schienen jedoch offen und f\u00fcr ihn anregend zu sein.<\/p>\n\n\n\n In Alexanders Dissertation ist es vor allem die Theorie kommunikativen Handelns<\/em> von Habermas, die er anwendet, besonders der sprachtheoretisch orientierte Teil \u00fcber die Lebenswelt. Dieses Konzept hat er angenommen, aber dann auch f\u00fcr seine Zwecke modifiziert. <\/p>\n\n\n\n Alexander hat Seminare von Habermas besucht und ist auch in seine Sprechstunde gegangen. Aus den Gespr\u00e4chen scheint er Anregungen \u00fcber das Lebensweltkonzept von Habermas aufgenommen und in die Dissertation eingebracht zu haben. Aber offenbar kam es in wichtigen Punkten nicht zu einem Einvernehmen, soweit ich das mitbekommen habe. Sp\u00e4ter besuchte Alexander Habermas wiederholt in Starnberg <\/span>5<\/sup><\/a><\/span><\/span>.\u00a0<\/p>\n\n\n\n Es machte dann Sinn, dass er die Dissertation bei mir schrieb. Sie bezieht sich schlie\u00dflich auch auf das, was er und ich gemeinsam im Freud-Institut erarbeitet haben. Da ich damals viel auf Gastprofessuren unterwegs war, konnte Alexander meine Stelle als Mitarbeiter im Freud-Institut besetzen, wo damals ansonsten fast nur noch Psychoanalytiker arbeiteten. Deswegen hat er dann mich gefragt, ob ich seine Dissertation betreuen kann, und ich hatte nichts dagegen. Und mit Habermas hat er das dann auch gekl\u00e4rt \u2013 das war undramatisch. <\/p>\n\n\n\n Bis zu seinem Bachelor-Abschluss studierte Alexander am Haverford-College. Vieles, was er bis in seine Dissertation hinein an sozialwissenschaftlichem Wissen verwendet, geht, denke ich, auf diese Zeit zur\u00fcck. <\/p>\n\n\n\n Sein Grundstock an Wissen war nicht nur philosophisch, sondern auch stark soziologisch, insbesondere beeinflusst durch Talcott Parsons\u2019 strukturfunktionale Gesellschaftstheorie. Sein Theorieansatz muss ihm dort von einem Parsons-Sch\u00fcler differenziert vermittelt worden sein. Mir fallen aber auch die Namen von Georg Simmel, Merton, Freud ein. In Deutschland kamen u.a. Hegel und Plessner hinzu. <\/p>\n\n\n\n Georg Simmel, der bei den Amerikanern viel gel\u00e4ufiger ist, als ich das von deutschen Verh\u00e4ltnissen her kenne, hatte sicher gro\u00dfen Einfluss auf Alexander gehabt. Hier stand aber eher Adorno im Vordergrund, der Simmel wahlverwandt ist. Alexander hat Habermas genau gelesen, er hat sich Adorno, auch die Negative Dialektik<\/em>, angeeignet. <\/p>\n\n\n\n Nein, soweit ich wei\u00df, hat er f\u00fcr ihn keine signifikante Rolle gespielt. Damals war Nietzsche in Deutschland auch noch tabuisierter als heute. <\/p>\n\n\n\n Offenbar kam es in wichtigen Punkten nicht zu einem Einvernehmen zwischen Karp und Habermas, soweit ich das mitbekommen habe.<\/p>Karola Brede<\/cite><\/blockquote><\/figure>\n\n\n\n Das m\u00fcssen Sie ihn fragen. Das wei\u00df ich nicht, aber ich denke, mit Carl Schmitt schon, vor allem aufgrund seiner Sensibilit\u00e4t in der Frage, was in Deutschland w\u00e4hrend des Nationalsozialismus politisch vorgegangen war. <\/p>\n\n\n\n Diese Sensibilit\u00e4t kann man gut an einem Beispiel darstellen: Damals war Ludwig v. Friedeburg noch Leiter des Instituts f\u00fcr Sozialforschung, als Alexander irgendwann herausfand, dass v. Friedeburg Offizier war und dass sein Vater, Hans-Georg v. Friedeburg, Mitunterzeichner der Kapitulationsurkunden der Wehrmacht war. Es hat Alexander sehr befremdet, dass es von Ludwig v. Friedeburg ein Foto in Uniform gibt. <\/p>\n\n\n\n Alexander war auch in der Zeit da, als die Wehrmachtsausstellung lief. Er konnte somit den Zusammenhang zwischen v. Friedeburg, der deutschen Wehrmacht und der Wehrmacht zur NS-Zeit herstellen. <\/p>\n\n\n\n F\u00fcr diese Themen war er immer sehr sensibel.<\/p>\n\n\n\n Das Stichwort war vorab \u201cAggression\u201d, was auch Teil des Titels ist, aber die Aggression geht eigentlich nur auf dem Weg \u00fcber den Jargon in den Text ein.<\/p>\n\n\n\n Das Entscheidende ist, dass Alexander ein Ph\u00e4nomen aufgreift, das in der Soziologie \u00fcberhaupt nicht gesehen wird: Seit Durkheim geht es um die Frage, was eigentlich eine gro\u00dfe Gesellschaft mit einer Masse an Menschen zusammenh\u00e4lt. Dies stand im Vordergrund der Integrationstheoretiker und auch bei Parsons. Die Soziologie hat sich nicht damit besch\u00e4ftigt, was Aggression f\u00fcr eine Gesellschaft bedeutet, die st\u00e4ndig sozialen Zusammenhalt herstellen und aufrechterhalten muss. Wo bleibt die Aggression? Aggression ist ja an sich als Verhalten, Motivation, Einstellung immer etwas, was eher separiert, was trennt, was auch zerst\u00f6rt und kaputt macht, also den Antipoden zu Zusammenhalt bildet. <\/p>\n\n\n\n Aber die These Alexanders ist, dass negative Aggression auch h\u00f6chst sozial integriert sein kann. Er zeigt, dass es Formen von Aggression gibt, die nicht als Devianz und Abweichung wahrgenommen werden, als auffallend oder st\u00f6rend, sondern die akzeptiert sind, zu den Selbstverst\u00e4ndlichkeiten geh\u00f6ren und vor dem Hintergrund der kulturellen Grundlagen gerechtfertigt werden, auf denen wir alle unsere Verst\u00e4ndigung untereinander herstellen und unsere Urteile f\u00e4llen. <\/p>\n\n\n\n Aggression wird somit auch zu allem Legitimen einer Gesellschaft hinzugerechnet und auf einer normativen Ebene akzeptiert. Das ist ein wichtiger Punkt in Alexanders Arbeit, und dieser Punkt ber\u00fchrt auch das Problem der deutschen Geschichte. <\/p>\n\n\n\n \u00dcber die Akzeptanz von Aggression wird auch heutzutage gestritten, aber das Problem nicht gesehen. <\/p>\n\n\n\n Rechtsextreme, die sich der Gesellschaft zugeh\u00f6rig f\u00fchlen, sagen und tun Dinge, die normalerweise nicht akzeptabel, aber juristisch nicht verfolgbar sind. Gleichwohl stellen sie gr\u00f6\u00dfte Verletzungen normativer Erwartungen dar. Dieses Verhalten wird jedoch nicht nur nicht geahndet, sondern es wird auch akzeptiert, und in gewissen Kreisen findet es die n\u00f6tige Unterst\u00fctzung und Billigung, weiterzumachen.<\/p>\n\n\n\n Das ist die Hauptthese, die Alexander aufwirft, und er geht dann weiter auf die Ph\u00e4nomene der Interaktion und der Intersubjektivit\u00e4t ein. \u00dcberall steckt nat\u00fcrlich die Aggression mit drin. Aber zu meiner Kritik an seinem Ansatz geh\u00f6rt die Tatsache, dass er den Aggressionsbegriff in seinen unterschiedlichen Bedeutungen ausgespart hat, die der Titel der Dissertation verspricht; er hat ihn sehr zur\u00fcckhaltend behandelt. Das Wort \u201cvernichten\u201d kommt nicht im Zusammenhang mit Taten, sondern nur mit der Rede auf. <\/p>\n\n\n\n Die These Alexanders ist, dass negative Aggression auch h\u00f6chst sozial integriert sein kann.<\/p>Karola Brede<\/cite><\/blockquote><\/figure>\n\n\n\n Ich hatte nie eine Mentoren- oder Aufsichtsrolle. <\/p>\n\n\n\n Ich w\u00fcrde eher sagen, dass ich, wenn er mir seine Positionen dargelegt hat, dann sicher auch meine Auffassung beigetragen habe. Das war\u2019s dann. <\/p>\n\n\n\n Ich w\u00fcrde unsere Zusammenarbeit damals als gemeinsames Work in progress beschreiben. <\/p>\n\n\n\n Eigentlich nicht. Das hat aber eher mit der fachlichen Personalstruktur am Freud-Institut zu tun. Ich war als Soziologin an einem Institut voller Psychoanalytiker. Niemand konnte mit mir viel anfangen. Es hat uns eigentlich geeint, dass keiner etwas mit uns anfangen konnte. <\/p>\n\n\n\n Ja, am Anfang konnte er kein Deutsch, aber nach einem halben Jahr war das Schlimmste vorbei. Er hat sich ja sogar ausbedungen, die Dissertation auf Deutsch zu schreiben, was in Frankfurt auch auf Englisch m\u00f6glich gewesen w\u00e4re. Aber wenn Sie zum Beispiel den Begriff der \u201cGeborgenheit\u201d von Heidegger nehmen, dann m\u00fcssen Sie es auf Deutsch machen. Auch bei Habermas gibt es viele Begriffe, die einfach nur im Original wirklich richtig her\u00fcber gebracht werden k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n Der Lebensweltbegriff hat mit der ph\u00e4nomenologisch orientierten Soziologie zu tun. Sie hat den gro\u00dfen Vorteil, dass man sowohl Sprache als auch Gesellschaft von der Vitalit\u00e4t der lebenden Menschen her verstehen kann. Der Habermassche Lebensweltbegriff wird in der Theorie des kommunikativen Handelns systematisch, ist aber mit dem des Systems \u2018verlinkt\u2019. F\u00fcr Alexander ist Lebenswelt Folgendes: Man stelle sich einen Teich vor, in dem keine Fische, sondern Ph\u00e4nomene, Beobachtungen und sprachlich Erfasstes schwimmen, die alle Einfluss auf das gesamte Teichleben haben und in diesem Rahmen sinnverstehend zug\u00e4nglich sind. <\/p>\n\n\n\n Alexander, f\u00fcr den die Parsonssche Handlungstheorie immer wichtig war, wirft Parsons vor, dass er in dem Teich nur die Verbindung zu Kultur gesehen hat und nicht das, was er die Triebe nennt. Er spannt auch die Triebe in die Lebenswelt ein. Wie ein Handwerker schraubt er Kultur in die eine Seite und die Triebe in die andere Seite dieses Teichs hinein.<\/p>\n\n\n\n Man kann Karps Annahme von Trieben mit diesem Dissenz in Verbindung bringen, aber das ist reine Spekulation. <\/p>\n\n\n\n Habermas stand dieser Annahme seit der Theorie kommunikativen Handelns<\/em> von 1981 <\/span>6<\/sup><\/a><\/span><\/span> ablehnend gegen\u00fcber, als er sich auch von diesem Kernst\u00fcck der Freudschen Psychoanalyse trennte. F\u00fcr Freud und dem mit Habermas befreundeten Alexander Mitscherlich demgegen\u00fcber war die Triebtheorie unverzichtbarer Teil von Aufkl\u00e4rung.\u00a0<\/p>\n\n\n\n Karp, der in der Dissertation kaum psychoanalytisch argumentiert, hebt also eine soziologisch als zweifelhaft geltende Vorstellung in das Lebensweltkonzept hinein. Da kommt dieses Bild von Parsons von den Lichtkegeln zum Zuge, die in die Dunkelheit gerichtet sind. In den Lichtkegel geraten immer wieder andere Themen und Komplexe, die in der Kultur relevant werden, dort ausgebaut und entwickelt werden, sich vertiefen, von den Beteiligten \u00fcbernommen und zu Selbstverst\u00e4ndlichkeiten werden, die den Alltag pr\u00e4gen. Das ist von der Kulturseite her das Wichtige. <\/p>\n\n\n\n Sieht man von meinen Vereinfachungen ab, dann besteht die Kritik von Karp an Parsons darin, dass Parsons nur diese Kulturseite gesehen hat. Und wenn Sie mich fragen, hat Karp den Triebbegriff so gedreht, dass von ihm nur die Gerichtetheit \u00fcbrig blieb, die dann die Form von Bed\u00fcrfnissen und W\u00fcnschen annimmt. <\/p>\n\n\n\n Also stehen jetzt in dieser Lebenswelt die Kultur und die Triebe in Gestalt von Bed\u00fcrfnissen und nat\u00fcrlich auch in Gestalt von Aggression auf komplexe Weise vermittelt einander gegen\u00fcber. Diese beiden Seiten wirken auf die Angeh\u00f6rigen der Gesellschaft und auf jeden Einzelnen darin ein und zerrei\u00dfen sie in gewisser Hinsicht. Auf der einen Seite gibt es sozusagen diese kulturelle Welt der Normen, der Werte, der Selbstverst\u00e4ndlichkeiten vor dem Hintergrund von immer anders ausgeleuchtetem Hintergrundwissen. Auf der anderen Seite kommt in diese Lebenswelt etwas hinzu, was die eigenen Bed\u00fcrfnisse oder W\u00fcnsche betrifft, die man haben kann, die aber nicht ge\u00e4u\u00dfert werden d\u00fcrfen. Was bleibt, ist der Rekurs auf Selbsterhaltung in Form der Selbstt\u00e4uschung.<\/p>\n\n\n\n Um diese beiden sich gegen\u00fcberstehenden Seiten aufeinander beziehen zu k\u00f6nnen, sagt Karp, bedienten sich die Mitglieder der Gesellschaft des Jargons. Der Jargon ist f\u00fcr Karp dabei immer unecht, weil es nichts mehr gibt, das echt ist. Das ist der Negativismus der Karpschen Position: Es gibt nur Verlogenes, Unechtes, nur Falsches. Das ist \u2013 vereinfachend ausgedr\u00fcckt \u2013 eine Radikalisierung der Adornoschen Position aus dem Essay \u00fcber den Jargon der Eigentlichkeit<\/em> <\/span>7<\/sup><\/a><\/span><\/span>.<\/p>\n\n\n\n Der Haupteffekt von Jargon ist, dass er nur diejenigen einschlie\u00dft, die dazugeh\u00f6ren, aber Jargon hat auch eine andere Seite.<\/p>\n\n\n\n Adorno gibt ein Beispiel daf\u00fcr an: Wenn jemand telefoniert und \u201cauf Wiederh\u00f6ren\u201d sagt, was hei\u00dft dann dieses \u201cAuf Wiederh\u00f6ren\u201d eigentlich? Es k\u00f6nnte hei\u00dfen, \u201cwir h\u00f6ren uns wieder\u201d. Das hei\u00dft, der Sprechende macht ein Versprechen einer k\u00fcnftigen Begegnung und impliziert, \u201cwir haben eine Beziehung, die wir bewahren wollen\u201d. Mit etwas strenger Intonation ausgedr\u00fcckt, kann \u201cAuf Wiederh\u00f6ren\u201d jedoch auch bedeuten, dass man sich \u00fcber denjenigen \u00e4rgert, mit dem man telefoniert, und froh ist, dass man auflegen kann. <\/p>\n\n\n\n Es gibt also diese Vieldeutigkeit, durch die das, was man eigentlich sagen will \u2013 in diesem Beispiel \u201cich will gar nicht mit dir telefonieren\u201d \u2013 zum Subtext wird. Dieser Subtext schafft eine Mehrdeutigkeit des Ge\u00e4u\u00dferten und wird durch die Intonation vom Gegen\u00fcber auch registrierbar. <\/p>\n\n\n\n Vereinfacht gesagt, hat Karp das Adornsche Konzept des Jargons radikalisiert.<\/p>Karola Brede<\/cite><\/blockquote><\/figure>\n\n\n\n Diese Mehrdeutigkeit ist etwas ganz Wichtiges und das Kernst\u00fcck des Jargons. <\/p>\n\n\n\n Adorno macht dies am Heideggerschen Begriff des \u201cAuftrags\u201d fest. \u201cAuftrag\u201d hei\u00dft zun\u00e4chst nichts anderes, als dass jemand sagt \u201cTu mal das\u201d. \u201cAuftrag\u201d kann aber auch religi\u00f6se Hintergr\u00fcnde haben. Gleichzeitig kann er Macht implizieren, und jemand kann mit etwas beauftragt werden, was er gar nicht tun will oder was nicht erlaubt ist. In Jargon steckt also immer wieder dieses Gegenl\u00e4ufige von Wunsch und Verbot. <\/p>\n\n\n\n In der Rede Martin Walsers geht es darum, dass er die Nase voll hat, sich ewig an die Verbrechen der Deutschen von vor damals \u00fcber 50 Jahren erinnern zu sollen. \u201cMoralkeule\u201d war darin sein Schlagwort. <\/p>\n\n\n\n Alexander hat die Rede verwendet, weil sie in Ihrer Vollst\u00e4ndigkeit eine gelungene Anwendung des zuvor genannten Jargon-Konzepts ist, aber in einer besonders markanten Totalit\u00e4t und Radikalit\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n Die Rede hat das Publikum von Intellektuellen, hochkar\u00e4tigen Juristen und Politikern zu Standing Ovations und gro\u00dfem Applaus bewegt. Dies war auch auf einem ber\u00fchmten Foto, das damals im Spiegel erschien, deutlich zu erkennen. Diese Zustimmung war nat\u00fcrlich eine Reizbeobachtung f\u00fcr Karp, weil sie zeigt, dass der Jargon funktioniert. Er bringt die Leute dazu, Walser zu applaudieren, obwohl er ihnen gerade vor die F\u00fc\u00dfe wirft, dass sie Erinnerungsdienste in Anspruch nehmen und sich missbrauchen lassen von irgendwelchen Intellektuellen und Kritikern.<\/p>\n\n\n\nWie haben Sie ihn kennengelernt?<\/h3>\n\n\n\n
Was hat denn Alexander Karp in Ihrer Meinung nach Frankfurt gezogen?<\/h3>\n\n\n\n
F\u00fcr ihn war das Thema Aggression<\/em> also besonders im deutschen Kontext und der nationalsozialistischen Vergangenheit interessant? <\/h3>\n\n\n\n
K\u00f6nnen Sie uns mehr zum damaligen intellektuellen und sozialen Umfeld Alexander Karps in Frankfurt sagen?<\/h3>\n\n\n\n
Welche Aspekte von J\u00fcrgen Habermas\u2019 Philosophie haben die Arbeit Alexander Karps besonders beeinflusst?<\/h3>\n\n\n\n
Oft kann man f\u00e4lschlicherweise lesen, dass Alexander Karp bei J\u00fcrgen Habermas promoviert hat, was nicht stimmt. Wie kam es schlussendlich dazu, dass Sie seine Arbeit als Erstgutachterin begleitet haben?<\/h3>\n\n\n\n
Welchen Einfluss hatten bestimmte Soziologen und Philosophen auf ihn? <\/h3>\n\n\n\n
War Nietzsche f\u00fcr ihn auch ein gewisser Einfluss?<\/h3>\n\n\n\n
Hat er sich zur damaligen Zeit mit Alexandre Koj\u00e8ve oder Carl Schmitt genauer auseinandergesetzt?<\/h3>\n\n\n\n
Alexander Karps auf Deutsch verfasste Dissertation tr\u00e4gt den Titel \u201cAggression in der Lebenswelt: Die Erweiterung des Parsonsschen Konzepts der Aggression durch die Beschreibung des Zusammenhangs von Jargon, Aggression und Kultur\u201d. <\/em>K\u00f6nnen Sie diese Arbeit kurz zusammenfassen?<\/h3>\n\n\n\n
Wie haben Sie die Dissertation von Alexander Karp begleitet und miterlebt?<\/h3>\n\n\n\n
Gab es Reibungspunkte, die Sie mit Alexander Karp w\u00e4hrend der Entwicklung seiner Thesen hatten? <\/h3>\n\n\n\n
Sie haben vorhin bereits erw\u00e4hnt, dass Alexander Karp nach Deutschland gekommen ist, ohne Deutsch zu k\u00f6nnen. <\/h3>\n\n\n\n
Der Begriff der Lebenswelt<\/em> von Habermas aus Alexander Karps Dissertation ist ebenfalls in anderen Sprachen un\u00fcbersetzbar. Was versteht er unter diesem Begriff?<\/h3>\n\n\n\n
Was waren Ihrer Meinung nach die Gr\u00fcnden f\u00fcr den Dissens zwischen Habermas und Karp?<\/h3>\n\n\n\n
Inwiefern verwendet Karp dieses Adornosche Konzept?<\/h3>\n\n\n\n
Die Fallstudie, die Alexander Karp f\u00fcr seine Dissertation w\u00e4hlte, besch\u00e4ftigt sich mit der kontroversen Rede Martin Walsers, die er zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 1998 in der Frankfurter Paulskirche hielt. Sie haben diese Rede ebenfalls gr\u00fcndlich untersucht und in einem Artikel beleuchtet <\/span>8<\/sup><\/a><\/span><\/span>. K\u00f6nnen Sie den Kontext n\u00e4her erleutern und erkl\u00e4ren, warum Alexander Karp gerade diese historische Sequenz f\u00fcr besonders wichtig erschien und passend als Anwendung seiner These?<\/h3>\n\n\n\n